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  • Juliens Blog

    Hallo Zusammen,

    ich möchte diesen Blog gerne tageweise führen, da es doch irgendwie jeden Tag Dinge zu berichten gibt. Selbst wenn nichts besonderes passiert ist, ergibt sich immer die Gelegenheit eine der vielen Besonderheiten und Unterschiede dieses Landes zu Deutschland hervorzuheben. Das ganze soll dann noch in einzelene Wochen untergliedert werden.

    Da ich vor dem Aufenthalt in Kenya bereits zwei Wochen auf Sansibar, Tansania verbracht habe, hatte ich das Blog-Schreiben schon vorher bekommen. Um den Blog aber nicht zu ausschweifend zu gestalten, möchte ich diese reine Urlaubszeit hier überspringen und direkt mit meiner Zeit in Kenia verbringen. Die erste Woche in Kenia verbrachte ich zwar auf mit Urlaub, aber ich möchte trotzdem von meinen ersten Eindrücken aus diesem Land berichten. Deswegen springe ich nun zu dem Moment, wo wir (meine Freudin Lena und ich) am Mombasa international airport landen.

    Viel Spaß beim lesen!


    • Karibu Kenya

      31. August

       Mit einer kleinen Propoller-Maschine von der afrikanischen Fluglinie „Fly540“ starten wir Richtung Mombasa und landen dann dort 40 min später. Vom Flughafen bis zu unserem Hotel, der „Severin Sea Lodge“ ist es eine gute Stunde und wir müssen durch den zähen Verkehr von Mombasa. Mombasa ist eigentlich eine Insel, die durch mehrere Brücken und Fähren mit dem Festland verbunden ist. Die meisten Menschen pendeln von dort zur Arbeit in die Innenstadt.

      Während auf Sansibar die Busse und Taxen einigermaßen unauffällig waren, sind die Kleinbusse, „Matatus“ genannt, schrill und bunt mit Sprüchen und Bildern versehen. Jedes Matatu hat ein eigens Thema und Design, welches von „Jesus Christ Savior“ bis „Tupac: Thug Life“ reicht. Die Fahrer fahren wie die Verrückten und die Menschen springen ins und aus dem fahrenden Auto. Außerdem gibt es ähnlich knallige „Tuk-Tuks“, klapprige, motorisierte Dreiränder, welche zwischen den Matatus herumkurven. Das günstigste Fortbewegungsmittel sind „Buda-Buda“, kleine Motorräder, manchmal mit einem am Tank befestigten Schirm, welche bis zu zwei oder drei Personen transportieren können (plus Fahrer!). Eine Helmpflicht gibt es natürlich nicht.

      Während Sansibar ganz deutlich sehr muslimisch geprägt war und man beispielsweise fast keine Frau ohne Kopftuch gesehen hat, so scheint Mombasa viel gemixter und vielfältiger zu sein. Neben den Moscheen finden sich hier auch viele Kirchen, Tempel und andere Gotteshäuser und die Menschen wirken stärker durchmischt.

      Das hier andere Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen als auf Sansibar, sieht man schon daran, dass vor dem Hotel unser Auto genau inspiziert wird und sogar mit Spiegeln darunter geschaut wird. Auch sind vor jedem teureren Geschäft oder jeder Bank teilweise bewaffnete Security-Guards zu sehen.


      1. September

      Heute wollen wir Mombasa erkundigen. Lena hat im Reiseführer ein paar Ziele rausgesucht, die sie gerne angucken wollte und wir haben am Tag zuvor noch einen Tuk-Tuk-Fahrer vor unserem Hotel angequatscht, der uns versprochen hat, heute um 10 Uhr hier zu sein („Inshallah!“). Der arme Kerl war ganz verwirrt, dass wir mit ihm fahren wollen („So…I have to be here at 10 a.m. tomorrow??), aber tatsächlich war er auf die Minute pünktlich. Bevor wir in die Altstadt gefahren sind, haben wir noch einen Schlenker zu den „Tusks“ gemacht, die das Wahrzeichen der Stadt sind und zum Besuch von Königin Elizabeth 1952 errichtet wurden.

      Danach ging es weiter in die Altstadt und dem Fort Jesus. Der saftige Eintritt von 12 Euro schreckte uns dann doch ab, das Fort von Innen zu besichtigen. Mombasas Altstadt entpuppte sich leider als Enttäuschung: Vom Charm der arabischen Häuser war nicht mehr viel übrig. Die Straßen waren enorm verdreckt und stinkig und die Häuser heruntergekommen und verbaut. Die einzige interessante Entdeckung war ein großer überdachter Markt, in der sich Obst, Gemüse und Gewürze nur so stapelten.

      Hier durften wir an den vielen verschiedenen Gewürzen riechen und Lena deckte sich fleißig für Zuhause ein. Zwar zahlten wir dann am Ende einen ziemlich saftigen Preis, aber wir waren die ganzen Verhandlungen müde und immerhin wurden wir freundlich empfangen.

      Da wir schnell wieder aus der Altstadt raus wollten, fragten wir unseren Fahrer, ob er noch ein paar interessante Stellen kannte und nach einigem Hin- und Her fuhren wir dann zu erst zu einer Krokodilfarm, in die Lena aber nicht reinwollte und dann noch zu einem Markt, bei dem verschiedene Holz- und Stahlverarbeitungen auf traditionelle Weise hergestellt wurden, wo man dann den Handwerkern bei ihrer Arbeit zu sehen konnte. Da es aber leider Sonntag war, war hier niemand anzutreffen und wir fuhren alles in allem sehr enttäuscht in unser Hotel zurück.


      2. September

      Am Montag um halb 6 in der Früh packten wir unsere schweren Koffer („Baby Elefants“ wie einer der Masai in der Lodge meinte) und fuhren mit James, unserem Tourguide, auf Safari.

      Wir sitzen recht komfortable zu zweit in einem 9-Sitzer-Van, bei dem man das Dach nach oben aufklappen kann und mit Safari-tauglichen Reifen. Durch das überfüllte Mombasa ging es danach ein paar Stunden über den Highway Richtung Tsavo West National Park, wo wir unsere Safari starten würden. Rechts neben uns immer die von den Chinesen gebaute Eisenbahn mit ihren hochmodernen Bahnhöfen, welche wie Ufos in Mitten der Savanne stehen.

      Tsavo West ist vor allem landschaftlich spektakulär und unser Van rumpelt langsam die Hügel hoch und runter. Nach dem wir einmal zu Anfang kurz stecken geblieben sind, sahen wir erst mal keine spektakulären Tiere. Dann nach einer Stunde aber schon das erste Highlight: relativ nah vor uns räkelt sich gemütlich ein Leopard auf einem Baum.

      Den restlichen Tag verbringen wir mit weiterem Game Drive und sehen neben zahlreichen Zebras, Giraffen und Gnus, auch Elefanten und Büffel. Hier wimmelt es an jeder Ecke nur so von einer sehr kleinen Antilopen-Art, genannt „Dik Dik“. Man sieht sie auch manchmal im südlichen Afrika, aber ich habe noch nie solche Scharen dieser Tiere gesehen. Den Nachmittag suchen wir die ganze Zeit in einer großen Rhino Sancturary nach Nashörnern, aber finden leider keine. Die Nashörner sind hier durch schwer bewaffnete Ranger vor den Wilderern geschützt, welche sie nah den Rand der Ausrottung getrieben haben. Inzwischen gibt es im Park aber wieder über 200 Nashörner.

      Unsere Lodge (Rhino Valley Lodge), die wir uns selber ausgesucht hatten, liegt auf halber Strecke an einem Hang und bietet einen wunderschönen Blick über den Park, vor allem von dem kleinen Restaurant aus. Da es sich um eine eher kleinere Lodge mit mehreren einzelnen Häuschen handelt, sind nicht viele Gäste dort. Im Allgemeinen sind sowieso nicht viele Fahrzeuge in den Parks unterwegs.

      Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass nicht viele Leute mit einem privaten Fahrzeug in die Parks fahren, sondern fast alle mit einer geführten Tour wie wir. So sind selbst bei spektakulären Sichtungen nur 6 – 7 Fahrzeuge da und nicht wie im Krüger Park in Südafrika 20 oder mehr, was viel angenehmer ist.


      3. September

      Nach einem wunderschönen Sonnenaufgang von unserer großen Terrasse, fahren wir am heutigen Morgen zu den Mzima Springs, einer natürlichen Quelle im Park, durch welche genug Wasser fließt um Mombasa und umliegende Städte mit Wasser zu versorgen. Von dort sollten wir einen kleinen Game Walk mit einem Ranger machen. Normalerweise bekommt man dabei einen gut ausgebildeten Park Ranger mit einer Waffe an die Seite gestellt, mit dem man einen längeren Spaziergang durch den Busch machen kann. Diese Leute sind meistens sehr gut ausgebildet und können Spuren lesen, Tiere in Bäumen und Löchern ausfindig machen und kennen sich bestens mit Flora und Fauna aus. Meistens kostet ein solcher Walk allerdings auch einiges, weswegen ich verwundert war, dass wir nur Geld fürs Trinkgeld mitnehmen sollten. Es stellte sich dann vor Ort auch raus, dass es sich nicht um einen klassischen Game Walk handelt, sondern es war ein kleiner, gepflasterter Rundweg, der an den Quellen vorbeiführte, mit Schildern, die die Bäume und Pflanzen um einen herum erklärten. Aber es war trotzdem sehr schön und wir konnten aus nächster Nähe Nilpferde und Krokodile von einer kleinen Plattform aus sehen. Außerdem gab es einen kleinen Ausguck, de halb unter Wasser gebaut wurde, sodass man durch Scheiben die Fische im kristallklaren Wasser beobachten konnte.


      Von dort ging es weiter durch die vulkanische Landschaft des Parks, vorbei an riesigen Lavazungen, die sich vor hunderten von Jahren durch die Savanne gewälzt haben. Man kann sich gut vorstellen, wie dieser riesige Haufen von Magma einer Spur der Verwüstung hinter sich hergezogen hat und der schwarze Stein sieht kaum verwittert aus.

      Auf dem Weg sehen wir Spießböcke, die schon lange auf meiner Liste stehen, da es sie im südlichen Afrika nur selten gibt. Eine weitere Antilopenart, die mir bis jetzt unbekannt war, ist die etwas skurril anmutende Giraffengazelle, die aussieht wie eine Mischung aus Giraffe und Gazelle (eigentlich wie der Name ja schon sagt).


      Obwohl sich die Parks im südlichen Afrika und hier optisch manchmal ähneln, gibt es dann doch immer wieder andere Tiere oder zumindest andere Unterarten zu entdecken. So haben die Giraffen hier eine andere Musterung und die Strauße eine etwas pinkere Hautfarbe als im Süden.

      Am Mittag fuhren wir über eine holprige Piste weiter Richtung unseres nächsten Zieles, dem Amboseli National Park. Dieser deutlich kleinere Park liegt an der Grenze zu Tansania und direkt am Fuße des Kilimanjaro, der majestätisch über der Savanne ragt …wenn er denn nicht in den Wolken steckt und dadurch nur als schemenhafte, dunkle Fläche zu sehen ist. Tatsächlich sehen wir den Berg mit seinem schneebedeckten Gipfel in den 24 Stunden, die wir uns in seiner Nähe aufhalten, nur einmal für 2 Stunden sehr gut. Aber dieser Anblick lohnt sich.

      Amboseli liegt auf ca. 1200 m über dem Meeresspiegel, weswegen hier ein ganz anderes Klima herrscht. Es ist deutlich kälter und in der weiten Ebene stehen nur wenige Bäumen in ein paar Oasen in der sonst staubigen Landschaft. Der Blick kann kilometerweit durchs Land streifen und große Windhosen ziehen in alle Himmelsrichtungen. Das Savannengras wird vor allem durch große Gnu- und Zebraherden dominiert und auch viele Strauße strecken ihre langen Hälse in den afrikanischen Himmel. Was die Wildkatzen angeht, sind wir auch hier glücklich: Ein seltener Karakal schleicht von Grasbüschel zu Grasbüschel und ein kleiner Serval schaut uns keck über die Schulter an.

      Besonders faszinierend ist ein großer Sumpf, der von einer unteririschen Quelle aus dem Kilimanjaro gespeist wird. Hier wimmelt es nur so von Leben. Elefanten baden neben Nilpferden und Büffeln und bilden eine wunderschöne Komposition mit den grünen Wasserpflanzen und der trocknen Savanne.

      Auf unserem Heimweg zum Camp, der Sentrim Lodge, welches außerhalb des Parks lag, sehen wir nun auch endlich den Kilimanjaro und sogar von unserem Bett aus können wir noch sehen, wie das letzte Licht vom weißen Gipfel heruntersinkt.


      4. September

      Als wir vor zwei Tagen unsere Fahrt starteten, da fragte uns James, was unsere Lieblingstiere seinem bzw. welche Tiere wir auf unserer Fahrt sehen wollten. Lena meinte, ihre Lieblingstiere seien Affen. Dieser Wunsch war schon auf dem Weg zum Park mit einer großen Gruppe Paviane erfüllt. Hyänen (mein Wunsch) waren da schon etwas schwerer zu finden. James erkundigte sich immer wieder per Funk nach den Tieren bei den anderen Fahrern im Park und am heutigen Morgen wurden Sichtungen gemeldet, allerdings relativ weit weg. James fuhr zügig in die Richtung, doch schon nach ein paar Kilometern hatten wir plötzlich selber eine Hyäne neben unserem Auto. Im Laufe des Vormittags liefen uns dann tatsächlich noch ein paar mehr dieser intelligenten Tiere vor die Linse.

      Außerdem gelang Lena an diesem Morgen ein wahrer Schnappschuss, als nicht weit von unserem Wagen ein Adlerpärchen ihr Nest gegen einen Schreiseeadler verteidigte.

      Nach ein paar Stunden fuhren wir dann weiter in Richtung des letzten Parks, den wir auf unserer Tour besuchen wollten, Tsavo East Nationalpark. Erneut holperten wir stundenlang über eine steinige und sandige Piste und waren am Ende von oben bis unten eingestaubt. Nachmittags kamen wir dann am Gate an und fuhren in den Park zur unserer Lodge, der Sentrim Lodge. Es handelt sich dabei um einen weiteren Ableger der Lodge in Amboseli, allerdings ist diese deutlich kleiner und sehr schön im Park an einem Wasserloch gelegen. Als wir ankommen, spitzen sich die Elefanten schon mit Wasser voll und wir können sie während unseres Mittagessens beobachten. Dann am Nachmittag geht es wieder mit dem Auto auf die Pirsch. Der Park zeichnet sich vor allem durch seine rote Erde aus, die dafür sorgt, dass die meisten Tiere, aber vor allem die Elefanten hier, eine besonders rote Färbung haben. Auch hier ist das Gebiet vor allem sehr flach und man kann die roten Elefanten schon aus weiter Distanz sehen.

      Nachdem wir gestern nur das leichte Ohrenwackeln eines Löwen gesehen haben, haben wir heute mehr Glück mit den Großkatzen. Eine Gruppe von fünf Weibchen und einem Männchen döst zufrieden nach einem kleinen Snack in der Sonne, und am Ende des Tages finden wir noch ein Löwenpärchen, bei dem das Männchen extra für uns noch ein lautes brüllen ertönen lässt. Als wir zurück ins Camp kommen, sind die Elefanten immer noch am Wasserloch und bleiben hier auch bis spät in die Nacht hinein.


      5. September

      Unser Katzen-Glück geht weiter: Am morgen kurz nach 7 Uhr haben wir wieder eine Löwin vor uns, welches majestätisch auf einer Anhöhe thront:

      Und dann hören wir über Funk die Meldung, dass in der Nähe des Gates Geparden gesichtet wurden. James drückt etwas aufs Gas und wir machen uns auf. An Ort und Stelle haben sich bereits 4 andere Safari-Jeeps eingefunden, aber das Tier sitzt relativ weit weg auf einem Stein. Dann entdecken wir allerdings ein zweites, deutlich näher an der Straße. Beide Tiere wollen die Straße überqueren und kommen so den Autos sehr nah und uns gelingen wunderschöne Aufnahmen.


      Dabei ist zu sehen, wie einer der Geparden durch eine Wildererfalle verletzt wurde. Bereits bei anderen Tieren haben wir die furchtbaren Schäden und Verletzungen gesehen, die diese zu Hauf ausgelegten Drahtschlingen anstellen können. Das Tier verfängt sich in dem Draht und schnürt, bei dem Versuch zu entkommen, immer mehr den Draht ins Fleisch. Selbst wenn sie entkommen können, können die Verletzungen dafür sorgen, dass die Tiere keine Nahrung mehr zu sich nehmen können und verhungern oder in Folgen einer Infektion sterben. Der Kampf gegen Wilderer ist in vielen Teilen Afrikas regelrecht zu einem Krieg geworden, bei dem mit Sturmgewehren und Kampflugzeugen vorgegangen wird. Vor allem die Nashornwilderer sind dabei teilweise schwer bewaffnet, sodass in vielen afrikanischen Ländern mittlerweile das Militär hilft, die Parks zu schützen. Vor allem der hohe Wert von Nashornpulver auf dem asiatischen Markt lässt immer wieder arme Glückritter losziehen und diese inzwischen selten Tiere jagen. Wer hier ein solches Horn ergattern kann, der hat für sein Leben ausgesorgt. Preise für ein großes Horn belaufen sich um die 500 000 USD.

      Mit einer großen Elefantenherde am Gate beenden wir unsere Safari und fahren nun wieder Richtung Küste zum Örtchen Kilifi, wo James sein Office hat und ich die nächsten 3 Monate wohnen werde. Je näher wir der Küste kommen, desto grüner und schwüler wird es. Während wir die letzten Tage vor allem durch trockene und karge Savanne gefahren sind, fahren wir nun durch üppige Palmenwälder und saftige Wiesen, bis wir irgendwann in Kilifi ankommen und James mit einem saftigen Trinkgeld für seine guten Dienste entlohnen.

      Das Dhows Inn, wo wir die Nacht verbringen, ist leider etwas runtergekommen und in unserem Badezimmer funktioniert weder Dusche noch Waschbecken und auch nachdem wir noch mal das Zimmer wechseln durften, gestaltet sich die Situation nicht viel besser. Allerdings treffen wir am Abend unseren Kumpel Paul aus Kilifi, der auch an dem Austausch teilnimmt und letztes Semester in Deutschland verbracht hat. Dieser zeigt uns schon ein bisschen die Stadt und wir gehen zusammen mit ihm essen. Auf den Tisch kommt ein Kilo gegrillte Ziege und ein paar frittierte Kartoffeln mit Tomatensalat. Alles wird mit der Hand gegessen.

      Danach treffen wir sogar noch per Zufall Paula, die mit uns zusammen in dem Haus leben wird. Obwohl wir sie noch nie gesehen haben, entdecken wir sie in der Menschenmenge, weil sie die einzige andere weiße Person hier ist. Daher schien die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie es sein müsste. Paula hat ein Studium zur Deutschlehrerin gemacht und macht jetzt ein Jahr Freiwilligenarbeit in Kenia. Zusammen mit einem kenianischen Dozenten gibt sie hier in der Uni Deutschvorlesungen.

      So können wir uns das Haus schon mal angucken und entscheiden uns sofort am nächsten Morgen hier hin zu ziehen, anstatt noch eine Nacht im Hotel zu verbringen.

      • Kilifis buntes Treiben

        6. September

        Heute Morgen kam der Rest der Crew aus Deutschland in Kilifi an. Mit mir zusammen werden dieses Semester Lara, Valerie, Dennis und Greta verbringen. Nach einem kurzen Hallo und ein paar Erzählungen unsererseits, checkten wir aus und die anderen ein und wir fuhren anschließend mit unserem Gepäck auf den Campus.

        Durch Kilifi führt die Hauptküstenstraße, welche einmal entlang der kenianischen Küste führt. Kilifi Town und der Stadtteil Mnarani werden durch den Kilifi Creek getrennt, eine durch die Gezeiten ins Land getriebene Meerzunge, die fast aussieht wie eine Flussmündung. Über diesen Creek wurde eine recht hässliche, aber praktische Brücke gebaut, die die alte Fähre obsolet gemacht hat. Ansonsten besteht die Stadt aus einem Gewirr aus kleinen Sand- und Teerstraßen mit zahlreichen Läden, Barber-Shops und Essensbuden. Ein Tuk-Tuk, um hier von A nach B zu kommen kostet ca. 100 Schilling (knapp 90 Cent), ein Boda-Boda, also ein Motorrad, ca. 50 Schilling. Ins Tuk-Tuk passen 3-4 Leute, auf Motorrad können meistens 2 Personen (+Fahrer). (Als ich diese Zeilen schrieb, bin ich von dieser Personenzahl ausgegangen, inzwischen saßen wir auch schon zu 6 im Tuk-Tuk und wir haben auch schon häufig 4-5 Leute auf einem Motorrad gesehen)

        Am Nachmittag und dem ganzen Umzug fahren wir zum Hotel unserer Professoren, Sissi Closs, wo wir den privaten Strand benutzen dürfen und wir auch am Abend zum Essen eingeladen sind. Viele Strände liegen an den Creek hinaus, anstatt direkt ans offene Meer. Das Wasser ist hier glasklar und es gibt keine Brandung. Die Ufer sind immer wieder von Mangroven gesäumt und das saftige Grün bildet einen herrlichen Kontrast zu dem türkisen, glitzerndem Wasser.  Hier haben wir erst mal richtig Zeit uns auszutauschen und schon die ersten Pläne zu schmieden.

        Vor dem Essen treffen wir dann die Koordinatorin des Austausches auf kenianischer Seite, Edith Miano. Edith ist eine kleine, sympathische Frau aus dem Linguistic Department und macht gerade ihren Doktor. Sie gibt uns noch ein paar Infos zur Uni und den Vorlesungen. Nach dem leckeren Abendessen tritt noch ein Akrobatengruppe auf und führt allerlei Kunststücke vor. Lena und ich hatten uns bis jetzt immer verdrückt, wenn bei uns im Hotel eine Trommel-, Akrobaten- oder Tanzgruppe aufgetreten ist, weil uns das Ganze immer irgendwie unangenehm ist. Auch diesmal war es komisch, weil es mit uns insgesamt nur 20 Zuschauer gab und man eigentlich nur gemütlich sitzen und quatschen wollte, aber nun ständig mitklatschen und sich diese Show ansehen musste. Immerhin gibt es ein paar afrikanische Gäste, die motiviert mittanzen.


        7. September

        Am Morgen treffen wir uns mit unserer Professorin und den anderen an dem Grundstück in Mnarani, auf welchem die Frauen aus dem Weike-Projekt Obst und Gemüse anbauen wollen. Zu diesem Projekt bzw. Verein erzähle ich später auch noch etwas ausführlicher. Hier wird momentan nach frischem Wasser gebohrt, um später die Pflanzen mithilfe eines Bewässerungssystems zu versorgen. Der Bohrturm sieht etwas abenteuerlich aus:

        Ein knatternder Zwei-Takter treibt den Bohrkopf an, der immer wieder mit einer Handwinde weiter abgesenkt wird. Falls der Bohrer auf besonders harten Stein trifft, steigt einer der Männer auf die kleine Plattform über dem Bohrgestänge und gibt dem Ganzen durch Hüpfen etwas Vortrieb. Da es aber nicht so aussieht, als würden sie heute noch auf Wasser stoßen, machen wir uns wieder auf den Rückweg.


        Heute ziehen auch die anderen zu uns ins Haus. Wir haben uns jetzt so aufgeteilt, dass Dennis und Greta, die sich schon länger aus ihrem gemeinsamen Studium in München kennen, mit Paula zusammen im linken Haus wohnen und Lara, Valeria und ich im rechten.

        Unser Austauschpartner Paul (rechts auf dem Bild) ist uns hier in der ersten Woche eine riesige Hilfe. Er hilft uns bei allen Fragen, die rund um Kilifi aufkommen, weiß die richtigen Preise für Tuk-Tuks und Obst und Gemüse auf dem Markt, hilft uns, die Sim-Karten zu organisieren und kennt alle Bars, Restaurants und Strände. Er geht richtig auf in seiner Rolle als Fremdenführer und scheint richtig stolz zu sein, uns hier alles zu zeigen. In Deutschland war er noch eher zurückhaltend und hat sich anscheinend nicht besonders wohl gefühlt. Hier ist er immer gut gelaunt und kommt fast jeden Tag bei uns vorbei.

        Heute müssen wir uns dann erst mal mit allen möglichen Lebensmitteln und Alltagsgegenständen eindecken, die im Haus fehlen. In Kilifi gibt es einen Supermarkt, bei dem es Lebensmittel und Haushaltswaren zu kaufen gibt. Obst und Gemüse sind zwar auch hier günstiger als bei uns, allerdings erzielt man die besten Preise auf der Straße. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten: Direkt vor dem Campus ist ein kleines Viertel, was Kibaoni heißt. Hier gibt es kleine Marktstände, die eine gewisse Auswahl an Obst und Gemüse haben. Hier wird vor allem auch guter gebratener Fisch verkauft (auch wenn er auf den ersten Blick nicht sonderlich appetitlich aussieht). Zu Kibaoni aber zu einem anderen Zeitpunkt mehr. Dann gibt es noch ein extra großes Marktviertel, teilweise mit überdachten Ständen, was Kilifi Arcades heißt. Ansonsten sind in der ganzen Stadt weitere Stände verteilt. Im Grunde kann man an jeder Ecke irgendetwas kaufen. Auf dem Markt wird nach Kilogramm bezahlt, während überall sonst nach Stückpreisen gerechnet wird.

        Obst und Gemüse sind hier deutlich billiger, als bei uns. Alles auf dem Bild unten haben wir für umgerechnet 5,50€ auf dem Markt gekauft. Das im Zeitungspapier ist Pilau-Gewürz, ein traditionelles Swahili-Reis-Gericht, was mit Zimt, Kardamom und Pfeffer gewürzt wird. Das Rote in der Verpackung ist Piri-Piri, eine scharfe Chillisoße.


        Andere Dinge, die importiert werden müssen, kosten deutlich mehr als bei uns und Alkohol ist auch deutlich teurer.

        Zum Mittagessen treffen wir uns noch mal mit unserer Professorin in dem Restaurant Oceans Food Court, wo wir schon am Tag zuvor Mittag gegessen haben. Danach fahren wir in zwei Tuk-Tuks mit der Gruppe an den Strand und entspannen uns etwas:

        Auf dem Bild sieht man von links nach rechts: Abdallah, Valeria, Dennis, Greta, Lena, Lara, Paul und ich.


        8. September

        Heute Morgen geht es nach knapp drei Wochen Afrika für Lena zurück nach Deutschland. James bringt uns über leeren Straßen zum Flughafen nach Mombasa. Nach einem kurzen traurigen Abschied ist Lena mit Condor unterwegs ins Land von Nutella und öffentlichem Nahverkehr und ich fahre mit James wieder zurück nach Kilifi. Den restlichen Tag verbringen alle damit, die Koffer richtig auszupacken und es sich in dem Haus gemütlich einzurichten. Obwohl es hier Moskitonetze gibt, haben wir vorsichthalber unsere eigenen mitgebracht. Nun nehmen zwar die neuen Moskitonetze den meisten Platz im Zimmer ein, aber es schläft sich deutlich angenehmer, weil nicht immer irgendein Körperteil das Netz berührt.

        Das Haus besteht ansonsten aus einem großen gemütlichen Wohnzimmer mit ein paar Sofas und einem Essenstisch, einer kleinen Küche mit angeschlossener Waschküche, zwei kleinen Bädern und den drei Zimmern. Das andere Haus ist genau dasselbe nur alles spiegelverkehrt (was ein echt seltsames Gefühl ist, wenn man mal zu Besuch drüben ist).

        Alles in allem sind wir sehr zufrieden, da unsere Vorgängerin das Haus in ihren Erzählungen in ein recht schlechtes Licht gestellt hat. Allerdings wurden auch einige Dinge erneuert und renoviert. Klar sind einige kleine Unannehmlichkeiten vorhanden: Bei dem Herd funktioniert nur eine Platte richtig, aber dafür haben wir noch einen Gaskocher. Aus der Dusche kommt nur ein kleines Rinnsal kaltes Wasser, aber es ist eh immer heiß hier, also macht das auch nichts. Insekten halten sich bis jetzt auch in Grenzen. Wir haben sogar ein Team von Putzfrauen, die ein bis zwei Mal die Woche vorbeikommen, sauber machen und die Laken wechseln!

        Am Abend gehen wir dann noch in die Kusini Tavern, ein anderes kleines lokales Restaurant, wo wir alle Samosas bestellen. Diese kenianische Spezialität kommt ursprünglich aus Indien und wurde durch den jahrhundertelangen Einfluss Indiens inzwischen hier etabliert. Die kleinen, frittierten Teigtaschen können mit allem möglichen Inhalt gefüllt werden und werden meistens einzeln verkauft. Dazu gibt es dann entweder Pilau, Ugali, ein Maisbrei, ähnlich wie Polenta, in Südafrika auch Millipap genannt, oder Pommes. Generell ist auswärts essen nicht besonders teuer. Für eine gute Mahlzeit zahlt man je nach Lokalität zwischen 100 (für einen großen Teller Pilau) und 1000 Schilling (für Rinderfilet mit Pilz-Rahm-Soße), was ca. 90 Cent bis 9 Euro entspricht. Softdrinks sind für 50 bis 150 Ksh zu haben und Bier kostet zwischen 200 und 300 Ksh. Allerdings sollte man damit rechnen, länger auf sein Essen zu warten, wenn man unangemeldet kommt.

        9. September

        Über den ganzen Tag verteilt kommen immer wieder irgendwelche Leute vorbei, um verschiedene bürokratische Details zu klären oder einfach um sich einmal das Haus anzuschauen. Dann bekommen wir auch noch einen Rundgang über den Campus von Edith. Der Campus ist sehr weitläufig und enthält sogar eine eigene Farm mit Feldern und Tieren. Daher kann es auch sein, dass einfach mal eine Kuh vor dem Eingang der Bibliothek steht. Die Erzeugnisse der Farm werden in der Mensa und im Hostel verarbeitet und es gibt einen kleinen Shop, bei dem man Eier und frische Milch kaufen kann. Überall wachsen Palmen, Farne und riesige Boababbäume. In den Bäumen tummeln sich Affen und monströse Spinnen bauen ihre Netze in den Ecken. Und wir haben auch eine kleine Pyramide gefunden, daher fühlen wir uns als Karlsruher direkt sehr wohl hier.


        Mittags nimmt uns Paul mit zu „Mother Biggy“ zum Essen. Dabei handelt es sich um eine kleine Hütte mit einem dunklen Eingang. Auf die rohe Steinfassade wurde mit zwei Farben „Mother Biggy“ gesprayed. Wenn man durch den Eingang geht, liegen auf dem Boden ein paar Kartoffeln und auf einem Tisch sitzt ein Huhn. Dann tritt man hinaus in einen kleinen überdachten Hinterhof, wo ein paar Bänke, Tische und Plastikstühle stehen. In einer Ecke sitzt eine dicke afrikanische Mutti mit einem riesigen Topf voll Essen. Für 100 Schilling ist man dabei und kriegt einen Teller voll Pilau mit Ziegenfleisch. Englisch spricht sie zwar leider nicht, aber wir haben ja unseren Paul dabei. Authentischer wird es nicht mehr. Gegessen wir hier meistens mit der Hand und etwas Chapati, dem hiesigen Fladenbrot, aber wir werden extra mit Löffeln ausgestattet. Das Essen ist so lecker, dass wir am nächsten Freitag direkt wieder hierhin kommen.



        10. September

        Am heutigen Tag sitzen wir die meiste Zeit in einem Meeting mit allen Mitgliedern der Fakultät und es wird darüber diskutiert, wie unser Studiengang nach Kenia exportiert werden könnte. Von kenianischer Seite besteht ein hohes Interesse, einen Studiengang „Kommunikation und Medien“ hier zu etablieren. Dabei müssen allerdings die Gegebenheiten vor Ort beachtet werden und ganz andere Anforderungen an diesen Studiengang gestellt werden, als bei unserem sehr auf Industrie und High-Tech ausgerichteten Studiengang. Hier sollte der Fokus eher auf der tatsächlichen zwischenmenschlichen Kommunikation liegen, da die kulturellen Gegebenheiten diese häufig erschweren: Die Menschen sprechen alle verschiedene Sprachen und Dialekte und es ist uns sehr oft passiert, dass die Leute so tun, als hätten sie einen verstanden, aber in Wirklichkeit keine Ahnung haben, was man von Ihnen möchte.


        11. September

        Am Vormittag machen wir einen kleinen Spaziergang am Creek entlang, merken aber schnell, dass wir uns die falsche Uhrzeit ausgesucht haben und gerade Flut ist. Bei Ebbe kann man von der Kilifi-Brücke bis vorne ans offene Meer laufen, aber bei Flut kommt man nur ein paar hundert Meter weit, zumindest, wenn man nicht komplett baden gehen möchte. Die Brandung und der Wind am Meer sind nicht ohne, aber der Creek ist ruhig und das Wasser ist glasklar.


        Als wir zurückkommen, stellen wir fest, dass wir kein Wasser mehr in unserem Haus haben. Es gibt einen Wasserhahn, der an die Hauptleitung angeschlossen ist und der Rest der Wasserhähne, Klospülungen und Duschköpfe ist an einen Tank angeschlossen, der bei uns im ersten Stock eingebaut wurde. Weder aus dem einen noch aus dem anderen kam Wasser. Dieses Problem hatten wir dann tatsächlich für die nächsten zwei Tage. In der Zwischenzeit konnten wir im Hostel duschen, was hier auf dem Campus liegt und die Klospülung füllten wir mit alten Wasserkanistern, die schon jemand vorsorglich bei uns eingelagert hatte. Trinkwasser kaufen wir hier aber sowieso immer in großen Kanistern, daher machte dies keinen Unterschied.

        Am Nachmittag treffen wir die Frauen, die im Weike-Projekt involviert sind. Der Weike-Verein ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Stärkung der Rolle der Frau in Kenia einsetzt. Weike steht für Women Empowerment in Kenya und wurde vor ein paar Jahren von unserer Professorin und einigen anderen Deutschen gegründet. In verschiedenen Projekten setzt sich der Verein für Frauen hier in Kilifi ein, um den Frauen durch ökonomische Unabhängigkeit, ein eigenständigeres Leben zu ermöglichen und deren Kindern einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. In diesem Rahmen wurde ein Stück Land gepachtet, auf dem Obst und Gemüse angebaut werden soll, welches selbst gegessen oder verkauft werden kann. Während unserer Vorlesung bei Prof. Closs im letzten Semester haben wir uns außerdem mit diesem Projekt beschäftigt und an einem Informationskonzept für eine Bewässerungsanlage gearbeitet. Da wir uns das ganze Semester mit diesem Thema beschäftigt haben, war es sehr interessant, das Grundstück endlich zu sehen.


        12. September

        Da wir nächste Woche eine Summerschool hier abhalten werden, bei der wir kenianischen Studenten Deutschland und unseren Studiengang etwas näherbringen wollen, bereiteten wir heute hauptsächlich unsere Vorträge und Workshops vor. Da wir dazu allerdings in den Mnarani Beach Club gefahren sind, weil dort das WLAN stabiler ist, sind wir nur semi-produktiv und verbringen auch viel Zeit am Strand und im Pool.

        Am Abend fahren wir dann mit einem Tuk-Tuk ins „Distant Relatives“, ein Backpacker-Hostel mitten im Wald, in der nähe des Creeks. Hier sehen wir nun auch zum ersten Mal ein paar Touristen, die es sich in der gemütlichen Eco-Lodge bequem gemacht hatten. Der Ort wirkt wie eine gute Mischung aus den schlichten und leicht runtergekommenen Hotels für Einheimische, wie das Dhows Inn und dem schicken, luxeriösen Mnarani Club. Die Zimmer und das Essen scheinen auch nicht zu teuer zu sein. Falls jemand mal nach Kilifi kommen sollte, ist dieser Ort sehr zu empfehlen.

        Der einzige Nachteil ist nur, dass es etwas abseits von der Stadt liegt und man nur durch eine lange, dunkle, ungeteerte Straße dort hinkommt. Da es am Ende auch schon spät abends ist und auch kein Tuk-Tuk mehr vor dem Backpackers steht, ruft Edith, die auch mit uns mitgekommen ist, kurzerhand einen Freund an, der uns dann in zwei Fuhren mit dem Auto nach Hause fährt. So sitzen wir dann etwas gedrängt zu 7 in seinem 5-Sitzer.


        13. September

        Auch heute bereiten wir weiter die Springschool vor. Danach machen wir noch einen kleinen Spaziergang in der Abenddämmerung durch Kilifi und schauen uns die Stadt etwas an. Bzw. die Stadt schaut sich uns an. Eine Sache, an die man sich wirklich gewöhnen muss, ist, dass man immer angestarrt wird. Vor allem an Orten, an denen normalerweise keine Touristen sind, fällt man auf wie ein bunter Hund. Die Leute unterbrechen ihre Gespräche und folgen einem mit den Augen. Selbst wenn man dann zurückstarrt, wendet keiner den Blick ab. Dies empfand ich anfangs als sehr unangenehme Situation, weil man sich wie ein Fremdkörper in dieser Welt fühlt. Aber auch daran kann man sich gewöhnen. Mir ist dann auch irgendwann aufgefallen, dass wir vor allem mit den Mädels zusammen angestarrt werden und wenn ich alleine unterwegs war, hält sich das Ganze eher in Grenzen. Man spürt zwar öfters mal ein feindsinniges Gefühl, häufig aber einfach nur Neugier oder Verwunderung. Auch haben wir nie den Eindruck, dass es sich irgendwie zu einer gefährlichen Situation entwickeln könnte. Man wird auch normalerweise nur von den Tuk-Tuk-, Matatu- und Boda-Boda-Fahrern angequatscht, ob man irgendwo hinwill, aber die lassen sich auch schnell abwimmeln.

        Am Abend gehen wir dann in eine Kneipe hier um die Ecke und treffen uns da noch mit den anderen. Wir haben uns hier schon richtig eingelebt.


        • Der Ernst des Lebens lässt warten

          14. September

          Am heutigen Samstag fahren wir 6 Deutschen zu den Mnarani Ruins, eine alte Swahili Siedlung aus dem 15. Jahrhundert, welche lange vom Urwald verschluckt war, bis sie in den 70er-Jahren wiederentdeckt wurde. Interessant ist dabei der arabische Einfluss, der sich schon seit tausenden von Jahren vollzieht. Verzierte Torbögen und Säulen von zwei Moschen zeugen von hoher Baukunst und des tiefen Glaubens in den Islam. Die Siedlung war über Jahrhunderte ein beliebter Ankunftsplatz für Händler aller Herrenländer, da der Creek einen natürlichen Hafen und Schutz für ihre Schiffe bildete. Häufig ließen die Araber ihre Schiffe für mehrere Monate hier, bis der Wind drehte und sie von ihrer Sklavenjagd im Hinterland zurückkamen. Dies scheint aus heutiger Sicht, ein sehr illoyales Verhalten der Swahili zu sein, da vor allem die nach Amerika verschifften Sklaven einen hohen Zusammenhalt untereinander bildetet, doch zeigt es vielleicht noch mehr, wie sich die unterschiedlichen Stämme und Regionen in Afrika selbst voneinander distanzierten. Irgendwann wurde die Siedlung aber auf Grund anhaltender Konflikte aus Sicherheitsgründen aufgegeben.

          All dies erzählt uns unsere sehr gelangweilt wirkende Führerin, in dem sie einen komplett auswendig gelernten Text auswendig herunterrattert. Allerdings kann sie auch auf Fragen unsererseits antworten, obwohl man, wie so häufig in Afrika, nie weiß, ob es sich um die richtige Antwort handelt oder nicht eingestanden werden kann, dass man die Antwort nicht kennt.

          Zusätzlich gibt es auf dem Grundstück der Ruinen noch eine „Snake Farm“, welche sich aber als ein paar arme, in kleinen Glaskästen gehaltene Schlangen entpuppt, die teilweise mit Verletzungen traurig aus ihrem Gefängnis schauen.

          Anschließend gehen wir zum Boatyard, wo der Creek immer noch einen sicheren Hafen für Segler und Yachtbesitzer bietet. Als wir ankommen, scheinen sich die Mitglieder, bei denen es sich hauptsächlich um ältere Briten und Südafrikaner handelt, in einer leicht versnobten, feinen Samstagsgesellschaft zu befinden. Zum Champagner werden Austern gereicht und es wird fleißig getratscht. Auch das lokal selbst ist in der Hand eines südafrikanischen Pärchens, so wie viele der luxuriösen Hotels und Restaurants hier. Ähnlich war es auch damals in Mosambik: Während sich westliche Investoren noch nicht trauen in diesen Ländern ihr Geld anzulegen, ergreifen die Südafrikaner ihre Chance und bilden ihre eigene kleine, wohlhabende Community. Nachdem wir ein bisschen mit den Besitzern gequatscht haben, bekommen wir allerdings prompt auch einen Teller Austern aufs Haus hingestellt. Erstaunlicherweise schmecken sie auch noch ganz gut und sind gar nicht so glitschig und schleimig, wie ich sie mir vorgestellt habe.

          Außerdem entdecken wir auf dem Wasser ein kleines Hausboot und auf unsere Nachfrage stellt sich heraus, dass man das Boot mieten kann und 6 Leute dort Platz finden. Wir beschließen direkt das Boot im Oktober über Dennis Geburtstag zu mieten. Als wir uns dann irgendwann auf den Rückweg machen, werden wir nach ein paar hundert Metern von einem der Gäste im Pickup hinten auf der Ladefläche mitgenommen.


          15. September

          Nach ein paar Tipps vom Besitzer des Boatyards versuche ich mich heute das erste Mal hier in Afrika mit Angeln vom Strand. Dabei kommt die Idee eher spontan, als ich morgens sehr früh wach wurde. Ich spazierte ein paar Meter durch Kibaoni und fand tatsächlich einen Fischverkäufer, der schon zu dieser Zeit auf hatte und sogar noch einen großen Tintenfisch im Angebot hatte. So ausgestattet fuhr ich zum Strand und spazierte am Creek entlang bis zur Brandung. Das Meer hat hier faszinierende Formen in den Stein gewaschen, aber man muss darauf achten, die Gezeiten richtig einzuschätzen, falls man nicht einen großen Umweg in Kauf nehmen will.

          Heute sollte es allerdings nicht sein mit dem Anglerglück und so machte ich mich gegen Mittag wieder auf zur Uni, wo ich noch ein paar Dinge zu erledigen hatte.


          16. September

          Heute gingen die Vorbereitungen für die morgige Summerschool weiter. Es wird noch etwas an den Vorträgen gefeilt und die Räumlichkeiten werden begutachtet. Am Nachmittag fahren wir dann noch mal zum Mnarani Grundstück, wo nun auch die anderen Deutschen die Weike-Frauen treffen können. Professor Closs möchte sich gerne ein Bild der Lage der Frauen machen und so soll sich jede vorstellen und sagen, ob sie verheiratet ist und wie viele Kinder sie hat. Dabei merkt man, dass dies ein eher heikles Thema ist, besonders bei Frauen, die keinen Mann oder keine Kinder haben und daher ungerne darüber reden. Außerdem fällt auf, dass die afrikanischen Familien immer noch sehr kinderreich sind und die meisten Frauen um die 5 Kinder haben. Dies hat immer noch viele traditionelle Gründe und viele Kinder sichern immer noch den Lebensabend der Eltern, aber es macht die Versorgung aller Kinder insbesondere auch mit Bildung nicht unbedingt einfacher. Hier in der Küstenregion scheint es den meisten Leute aber dennoch sehr gut zu gehen und gerade die naheliegende Universität ermöglicht es den jungen Leuten in der näheren Umgebung zu studieren und dabei immer noch kostengünstig Zuhause zu wohnen und sich um die Familie zu kümmern.

          Der Fortschritt auf dem Grundstück in der letzten Woche war enorm. Die Bohrungen sind auf Wasser gestoßen, was nach mehreren Tests auch als rein und nicht versalzen bewertet wurde. Inzwischen ist schon ein Rohr in den Schacht verlegt worden und ein Fundament für Brunnen und Wassertanks ist gelegt worden. In den nächsten Tagen sollen noch die solarbetriebene Pumpe und die Wassertanks aufgebaut werden. Ab Donnerstag befindet sich dann auch sauberes Wasser in den Tanks und die ganze Anlage funktioniert. Ein richtiges Bewässerungssystem, wie wir es ausgearbeitet haben, wird aber erst Anfang nächsten Jahres installiert werden.

          Die Frauen haben auch verschiedene Verbesserungsvorschläge, was das Land angeht. Sie wollen, dass der Zaun ausgebaut bzw. repariert wird, sodass die allgegenwertigen, frei herumlaufenden Ziegen nicht die Ernte vernichten. Außerdem wollen sie gerne Pestizide gegen Schädlinge einsetzen, was unsere Professorin aber strikt ablehnt, weil sie es für zu gefährlich und ungesund hält. Dies stößt auf völlige Unverständnis, aber Sissi und ihr Mann sind da strikt. Anfangs hielt ich es noch für leicht naiv und dachte, man kann nicht die deutschen Sicherheitsstandards hier in Kenia anwenden und dass eine biologische Anbauweise, wie wir sie aus Europa kennen, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht möglich sei. Aber es stellte sich dann später heraus, dass der Mann von Sissi von Beruf Baumpfleger ist und daher auch Ahnung von dem Thema hat und vielleicht besser einschätzen kann, was möglich ist und was nicht.

          Am Abend gehen wir noch einmal mit allen zusammen im Kusini Tavern essen, allerdings warten wir so lange auf das Essen, dass alle schon ziemlich angeheitert von den Drinks sind, als das Essen endlich kommt.

          Heute bin ich jetzt genau einen Monat in Afrika. Ich muss sagen, bis jetzt fehlt mir noch nicht viel, aber ich freue mich jetzt schon auf ein paar Dinge, wenn ich wieder zurück bin. Wahrscheinlich wird die Sehnsucht nach ein paar Dingen in ein oder zwei Monaten besonders hoch sein. So ähnlich war es auch damals, als ich für 8 Monate in Neuseeland war. Anfangs ist alles immer noch neu und man kann nicht genug davon bekommen, aber dann nach einer Weile sehnt man sich doch nach den gewohnten Dingen.


          17. September

          Heute war der große Tag der Summerschool gekommen und wir starteten den Tag mit Präsentationen über unseren Studiengang in Karlsruhe, über ein paar ausgewählte Projekte aus dem letzten Semester und über Karlsruhe und Baden-Württemberg im Allgemeinen. Es waren tatsächlich viele interessierte Zuhörer erschienen, die aufmerksam in dem großen Konferenzsaal saßen.

          Am Nachmittag nahmen wir alle an einen Video-Workshop teil, den einer von den Summerschool-Neuankömmlingen vorbereitet hatte. Wir wurden in gemischte Teams aufgeteilt und sollten dann entweder ein Interview drehen oder den Campus filmen. Die Kooperation lief bei jeder Gruppe ein bisschen anders und es war interessant, die verschiedenen Arbeitsweisen zu beobachten. Während wir eher die kenianischen Studenten entscheiden lassen wollten, damit sie eine eigene Erfahrung machen konnten, auch mit dem Risiko, dass das Ergebnis dann nicht so berauschend wird, gab es andere Gruppen, bei denen die Deutschen alles vorgegeben und bestimmt haben, damit das Ergebnis allen Erwartungen gerecht wird. Bei uns lief der Workshop allerdings etwas holprig, weil es sehr schwer war, die Kenianer zu irgendeiner Entscheidung zu bewegen und alle sehr schüchtern und still waren. Dadurch, dass wir dann immer wieder verschiedene Optionen vorschlagen mussten, kamen wir am Ende auch noch in Zeitprobleme, welche uns dann wieder beim Video schneiden gefehlt hat. Durch einen Absturz der Software hatten wir dann am Ende gar nichts vorzuweisen, allerdings waren die Ergebnisse der anderen sehr sehenswert.



          18. September

          Heute müssen wir uns erst mal von dem Stress von gestern erholen. Außerdem nehmen Aufgaben wie Waschen und Einkaufen viel Zeit ein, weil wir die Wäsche von Hand waschen und beim Einkaufen nicht nur den Supermarkt abgrasen, sondern auch noch auf den Markt müssen.


          19. September

          Nach über einem Monat ohne Sport hatte ich mal wieder ein bisschen das Bedürfnis, oder zumindest genug schlechtes Gewissen, mal wieder etwas Sport zu machen. Obwohl es erst neun Uhr morgens war, brannte die Sonne schon durch eine leichte Wolkendecke. Ich joggte ein paar Runden um den Sportplatz und machte ein paar Übungen dazu. Eine halbe Stunde später kam ich schon wieder schweißgebadet zurück ins Haus.

          Nachdem ich nicht so viel Erfolg mit dem Angeln in Richtung offenes Meer hatte, wollte ich heute einen Spot in der Nähe des Boatyards ausprobieren, der mir ebenfalls empfohlen wurde. Da Lara, Valeria und Paul auch nichts Besonderes vorhaben, kamen sie auch mit. Als wir dieses Mal dort sind, ist kein anderer Gast da und wir genießen ein paar Samosas auf weichen Kissen im Schatten der Palmen.

          Nachdem Essen, setze ich mich gemütlich an den Steg und angele ein bisschen von dort herunter.  Dabei kommt mehrmals ein mitte-50-Jähriger bei mir am Steg vorbei, bis wir ihn irgendwann ansprechen. Es stellt sich heraus, dass er Robert heißt und aus Kanada kommt. Er ist seit 10 Jahren mit seinem Segelboot unterwegs und bereist die Welt. Da er wohl niemanden zum Reden hat, scheint er nun seinen Redebedarf zu stillen. Allerdings ist es auch sehr interessant, was er erzählt und wir fragen ihn alles Mögliche: Ob er einsam ist? Wie er das alles finanziert? Ob er es manchmal bereut? Welches sein Lieblingsland war?

          Am Ende läd er uns noch auf sein Boot ein und sagt, dass, wenn wir das nächste Mal wieder im Boatyard sind, wir uns alles angucken können. Währenddessen hat an meine Angel sogar eine kleine Moräne angebissen. Ich will das Tier wieder befreien, aber es hat sich so sehr in der Schnur verheddert, dass ich es nicht schnell genug befreien kann und es dabei ein geht. Um es von seinem Leid zu erlösen töte ich es und trenne den Kopf ab. Dann, während des Versuches die Schnur vom abgetrennten Kopf zu lösen, kommt mein Daumen einen Tick zu nahe an das Maul und die winzigen, scharfen Zähne bohren sich in meinen Finger. Glücklicherweise kann ich mich schnell wieder aus dem Biss befreien und die Zähne sind zu klein, um wirklich einen größeren Schaden anzurichten. Gewarnt bin ich nun aber dennoch für das nächste Mal.

          An diesem Abend sind wir auch noch zu unseren Hausnachbarn, Dennis, Greta und Paula eingeladen, die außerdem noch ein paar Einheimische aus Kibaoni eingeladen haben, die sie (vor allem Paula) in den letzten Wochen / Tagen kennengelernt haben. Fortunat und Denvers sind ein Pärchen und betreiben die Juice Bar, die wir häufig besuchen. Abraham hat einen kleinen Safaricom-Laden, der hiesige Netzanbieter, verkauft aber auch Honig in seinem winzigen Shop. Auch Simone und Paul haben es hergeschafft. So sitzen wir alle bei Spagetti Napoli zusammen im Wohnzimmer und tratschen, wobei vor allem wir Deutschen und Paul sich angeregt auf Englisch unterhalten und die anderen Kenianer eher schüchtern und still ihre Spagetti unter größeren Mühen essen.


          20. September

          Heute hatte ich mich mit Paul zum shoppen verabredet. Ich finde es immer besonders schön, Klamotten aus dem Urlaub mitzubringen, da diese Mitbringsel nicht in einer Ecke einstauben, sondern einen wirklichen Nutzen haben und man sich jedes Mal an das Land oder den Urlaub erinnert, wenn man das Kleidungsstück anzieht.

          Die Klamottenläden hier und in der westlichen Welt könnten nicht unterschiedlicher sein. Während bei uns die Läden bestens ausgeleuchtete Designertempel sind, befinden wir uns nun in einem kleinen, dunklen Schuppen, im dem massenweise T-Shirts und Hosen hängen und in dem es stark nach Rauch riecht, weil wieder irgendjemand seinen Müll hinter der Hütte verbrennt. Allerdings gefallen mir viele von den Shirts und Hosen sehr gut und ich finde schnell ein paar Sachen für mich. Umziehkabinen oder so etwas ähnliches gibt es natürlich auch nicht. So wechseln für 1200 Schilling (ca. 10€) ein T-Shirt, eine Shorts und ein Hemd den Besitzer. Die Ware ist zum größten Teil Second Hand und mir kommt der Gedanke, dass hier möglichweise einige der Kleiderspenden aus Deutschland einen zweiten Abnehmer finden. So werden die Klamotten immerhin noch eine Weile länger im Kleiderkreislauf gehalten und landen nicht schon nach ein paar Monaten in der Tonne.

          Während die kenianischen Frauen eher traditionellere und schön gemusterte, afrikanische Gewänder tragen, tragen die Männer meistens irgendwelche alten T-Shirts und Hosen, die aus Europa, Amerika oder Asien stammen und häufig schon mit einigen Löchern versehen sind (höher Angestellte und Mitarbeiter der Uni tragen natürlich schicke Hemden und Hosen). Allgemein legen die Frauen ein viel größeren Wert auf ihre äußere Erscheinung als Männer, wobei auch hier das Augenmerk sehr unterschiedlich liegt. Während manche ein möglichst westliches Aussehen mit kurzen Röcken und hohen Schuhen erreichen wollen, gibt es auf viele Muslima, die sich mit schicken, langen Gewändern, häufig aber auch mit einer Vollverschleierung auf der Straße und dem Campus zeigen. Bei den Frauen, die kein Kopftuch tragen, ist die Frisur eines der wichtigsten Vorzeigemittel: Von aufwändig geflochten und gefärbt bis wilder Afro ist alles dabei. Junge Männer, die Eindruck schinden wollen, warten mit klobigen, goldenen Uhren und Ketten auf, kombiniert mit einer großen Fliegerbrille und auffälligen Sneakern.

          Nachdem wir unsere Tour in diesem Laden beendet haben, treffen wir uns noch mit einem Kumpel von Paul, Donald, der uns zu einem guten Schuhmacher hier in Kilifi bringt. Dort bekomme ich dann noch meine eigenen Schuhe angefertigt, die ich am Abend abholen kann. Anfangs noch etwas eng, hat sich das Leder inzwischen gut an meinen Fuß angepasst.


          21. September

          Dennis, Greta und Paula waren heute auf einer Hochzeit eingeladen. Eigentlich war der Rest von uns auch eingeladen, aber wir anderen waren nicht so ganz überzeugt, da wirklich hinzugehören. Die Story dazu ist genau so kurz, wie sie skurril ist: Paula hatte öfters mal mit Anthony gequatscht, dem einzigen Mitarbeiter eines winzigen Elektronikladens, der sich im Supermarkt befindet. Daraufhin hat Anthony Paula auf die Hochzeit seines guten Freundes in Mombasa eingeladen und nach ihrem kurzen Zögern auch noch den ganzen Rest von uns. Uns wurde versichert, dass auf einer afrikanischen Hochzeit sowieso hunderte Gäste seinen und Anthony bot an, ein Matatu nach Mombasa zu organisieren und Übernachtungs-möglichkeiten vor Ort. Allerdings für Jungs und Mädels getrennt. Das Ganze schien mir aber dennoch ein bisschen komisch und ich sah mich schon stundenlang in irgendwelchen Kirchen herumstehen und auf irgendeine Zeremonie warten und nicht zu wissen, was ich hier eigentlich soll. Aber die anderen drei ließen sich davon nicht abschrecken und so waren die drei zusammen mit Simone und Anthony auf dem Weg nach Mombasa.

          Wir Anderen und Paul hatten uns für den Tag vorgenommen, das verschlafene und nicht weit entfernte Takaungu zu erkunden. Wir hatten uns dafür ein paar Bier online bestellt und ein gutes Picknick am Tag vorher vorbereitet. Mit dem Matatu ging es dann durch ständiges Bremsen und wieder Anfahren, falls irgendjemand zu- oder aussteigen wollte, mit 14 Mann im Minibus für 15 min Richtung Süden. Anschnallen oder Türen schließen wird sowieso überbewertet und Lara durfte immerhin auf einem kleinen hölzernen Schemel sitzen, der in den Gang zwischen die Sitze gestellt wurde.

          Dann vor Ort angekommen ging es weiter auf zwei Motorrädern, die uns zum Strand brachten. Unterwegs realisierte ich, dass Paul, neben dem Karton mit Bier, auch noch sein Handy und seinen Geldbeutel in der Hand hielt. Ich checkte mein Handy in meiner Hosentasche und stecke es vorsichthalber noch etwas tiefer in die Tasche. Fünf Minuten später wollte ich noch mal nach meinem Handy greifen und fand nur noch eine leere Hosentasche vor. Bei einem der Hüpfer auf der Schotterpiste musste es sich von mir verabschieden haben.  Auch nochmaliges Abfahren der Strecke zeigte keine Resultate. Es waren auch einige Leute an dieser Strecke unterwegs und es hätte durch den Aufprall überall landen können.

          So war der wunderschöne weiße Strand mit Palmen am Anfang erst mal nur mit einem bitteren Beigeschmack zu genießen. Ich malte mir schon aus, was ich nun alles für nächste Schritte zu unternehmen hatte, bis nach ein / zwei Stunden einer der Motorradfahrer Paul anrief. Wir hatten ihm vorher einen großzügigen Finderlohn versprochen, falls er das Handy noch finden würde und siehe da, da war es wieder. Und noch erstaunlicher: Obwohl es von einem fahrenden Motorrad auf eine Schotterpiste gefallen war, hatte das große Display nicht einen einzigen Kratzer. Die Schutzfolie hatte mir und meinem Handy treue Dienste geleistet. Paul behauptet immer, dass man in Kenia alles bekommen kann, wenn man nur genug Geld investiert, aber sogar er war überrascht, dass das Handy nicht schon zurückgesetzt und verkauft war. Auf meine Nachfrage erzählte mir unser Fahrer, dass es schon jemand anders gefunden hatte und er es von dieser Person abgekauft hatte. Die Person hatte wohl davon gehört, dass das Handy gesucht werde, und wiederum einen Anruf getätigt.

          Es ist einfach unglaublich wie schnell hier in Afrika die Buschtrommeln funktionieren. Gibt es eine Neuigkeit, ist innerhalb einer Stunde das gesamte Dorf plus Nachbardorf informiert.

          So wurde es zwar für mich ein recht teurer Ausflug, weil wir den loyalen Wiederbringer auch gut belohnen wollten, aber ein paar Bier im glasklaren, kühlenden Wasser verwandelten den Tag doch noch in einen angenehmen. Und einen Erinnerungswürdigen.


          • Habari za leo? Nzuri!

            22. September

            Der Tag vergeht eigentlich ohne besonders bemerkenswerte Ereignisse. Morgens machen wir ein bisschen Sport auf der Terrasse und schreiben dann an unseren Berichten weiter. Die anderen beiden haben dann auch schnell angefangen ihre Erlebnisse festzuhalten und per Mail an Freund zu schicken. So sitzen wir öfters morgens oder abends zusammen und jeder schreibt an seinen Erzählungen.

            Am Nachmittag gehe ich in eine nahegelegene Bar und erkundige mich, ob sie das MotoGP-Rennen auf einem der vielen Fernseher zeigen können. Der Wirt ist etwas verwundert, aber findet dann doch den passenden Sender. Später kommt er zu mir und fragt mich neugierig, ob da jetzt nur Motorräder fahren oder ob die Autos noch kommen. Nachdem ich meine, dass das die Motorrad-WM sei, muss er kichern und meint ich sei der Erste, der danach gefragt hätte. Später wird die Bar dann auch noch mal richtig voll, als ein wichtiges Premier League Spiel übertragen wird. Da viele Menschen hier keinen eigenen Fernseher haben, sind die Bars und Restaurants bei Anpfiff eines wichtigen Spiels immer gut besucht. Davor steht häufig eine kleine Traube Kinder und Jugendlicher, die durch die Fenster und Schlitze einen Blick auf den Fernseher erhaschen wollen.

            Hier ist Fußball der Volkssport, wie in den meisten afrikanischen Ländern. Geschaut wird vor allem englischer und spanischer Liga-Fußball und gespielt wird überall, auch unter widrigsten Bedingungen. Irgendwas, was entfernt an einen Fußball erinnert und zwei Stöcke, Schuhe oder sonstige Markierungen reichen aus. Vor allem die Kinder spielen dabei nicht nach irgendwelchen Regeln, sondern alle kicken sich den Ball irgendwie zu und versuchen in das Tor zu schießen, wo auch mal mehrere Torwarte stehen. Die öffentlichen Sportplätze sind zu den Abendstunden immer gut besucht. Dabei überrascht mich, dass neben Fußball auch viel Hockey und Volleyball gespielt wird.

            Am Abend kochen wir dann noch die von Lara und mir heiß-geliebte Thunfischpfanne. Das Nachkochen von Gerichten von Zuhause gestaltet sich schwieriger als gedacht, weil es doch viele Dinge hier nicht gibt, die bei uns selbstverständlich in jedem Supermarktregal stehen. Falls es sie doch gibt, sind sie teuer importiert oder unterscheiden sich dann doch sehr stark von den gewohnten Produkten.

             

            23. September

            Heute Vormittag fand die erste Stunde unseres Swahili-Sprachkurses statt. Unsere Lehrerin Prof. Dr. Rukiya Swaleh ist eine kleine, intelligente Frau, die ihr Leben dem Studium der Sprache Kiswahili gewidmet hat. Sie ist außerdem auch streng muslimisch und so ist es immer etwas seltsam, weil sie die Mädels immer mit Handschlag oder Umarmung begrüßt, unseren Handschlag aber abweist.

            Swahili ist eine sehr interessante Sprache. Entstanden aus einer Mischung aus afrikanischen Stammessprachen und Arabisch, wird diese Sprache fast überall in Ostafrika und besonders an der Küste gesprochen. Dabei lernen die Kinder diese Sprache häufig erst in der Schule, weil in jeder Region auch noch eine weitere Stammesprache gesprochen wird. Dazu lernen sie auch noch Englisch. Das könnte auch gut erklären, warum wir so viele Menschen getroffen haben, die in kurzer Zeit sich eine weitere Sprache, wie Italienisch oder Deutsch angeeignet haben. Wenn man schon früh lernt, viele verschiedene Sprachen zu sprechen, scheint sich das auch auf späteres Lernverhalten auszuwirken.

            Swahili, auch Kiswahili oder, deutsch geschrieben Suaheli, besitzt nicht nur einen großen Anteil arabischer Wörter, sondern auch viele Lehnwörter aus dem Englischen, Indischen, Portugiesischem und Persischem. Auch aus der kurzen deutschen Kolonialzeit haben sich einige Benennungen, wie Shule (Schule) eingeschlichen. Viele Leute sprechen häufig kein sauberes Swahili, sondern mixen Englisch und Swahili. So kann man dann doch häufig erahnen, um was es in einer Unterhaltung gerade geht.

            Eine interessante Besonderheit, die das Lernen etwas einfacher macht, ist, dass in der Sprache nicht zwischen verschiedenen Geschlechtern entschieden wird, sondern immer nur in einer Form gesprochen wird. Nur für Singular und Plural gibt es verschiedene Formen für Verben, Nomen und Adjektive.

            Hier ein paar Beispiele, von Wörtern, die man als erstes lernt:

            Jambo                  =             Hallo!

            Habari? =             Wie geht es dir?

            Nzuri                     =             Gut!

            Karibu                  =             Willkommen!

            Asante =             Danke

            Kwaheri               =             Auf Wiedersehen!

             

            24. September

            Heute sollte unsere erste Vorlesung stattfinden. Um 17 Uhr finden wir uns in einem Hörsaal der Uni ein, nicht weit entfernt von unserem Häuschen. Die Vorlesungen für die Master-Programme finden hier alle abends statt, da viele Studenten bereits nach dem Bachelor arbeiten und den Master dann nebenher machen. Wir haben uns für unser Auslandssemester nach kurzer Abstimmung alle kurzerhand in Marketing Management und Human Ressource Management eingeschrieben.

            Bei den beiden Mädels letztes Jahr führte ein Streik im Frühjahr dazu, dass der Vorlesungsbeginn immer weiter nach hinten verschoben wurde und die erste Vorlesung erst Mitte Oktober stattfand. Als wir nun in den ausgewählten Vorlesungsraum kommen, sitzt auch nur ein einziger Student da, der extra aus dem 60-Kilometer-entfernten Malindi gekommen ist. Nach ein bisschen herumtelefonieren, bekommen wir den Dozenten an die Strippe und er erzählt uns gelassen, dass er leider vergessen hat uns Bescheid zu geben und dass wir doch einfach nächste Woche mit der Vorlesung beginnen sollen. Auf der einen Seite sind wir etwas erleichtert, dass wir nun nicht drei Stunden in einer Vorlesung sitzen müssen, auf der anderen Seite habe ich ein etwas mulmiges Gefühl, da wir schon Mitte Dezember zurückfliegen und etwaige Verzögerungen dann zu einem Zeitproblem mit den Prüfungen führen könnten. Aber ich habe den Eindruck, dass hier immer eine flexibel Lösung für jedes Problem gefunden wird.


            25. & 26. September

            Diese beiden Tage vergehen recht ereignislos. Mittwochs haben wir noch eine Swahili-Stunde und lernen, wie man sich richtig vorstellt (Jina langu ni nani Julien) und verschiedene Pronomen.

            Da wir nächsten Monat auf Safari gehen wollen, haben wir versucht einen Studentenrabat für die Eintritte in die Parks zu bekommen. Dies hätte erheblich Geld gespart, da der Eintritt von 50 – 60 USD auf 10 USD gesunken wäre. Allerdings stellt sich das deutlich schwerer raus, als gedacht: Zu erst wollen wir das Ganze über James, unseren Safari Guide regeln und schicken ihm unsere Studentausweise von Kenia. Die sehen übrigens so aus:


            Dann will der Kenyan Wildlife Service (KWS), aber noch einen Brief von der Uni, der bestätigt, dass wir hier studieren. Auch den beantragen wir bei der Uni. Noch bevor dieser fertiggestellt wurde, will der KWS aber, dass hier auch genaue Details genannt werden, wie die genauen Gebiete, wo wir hinfahren und was wir da machen. Außerdem bekommen wir eine Liste, in der steht, dass Studentengruppen, die nur in ihrer Freizeit in die Parks fahren wollen, von dem Studententarif ausgenommen sind. Irgendwann geben wir es dann auf und zahlen nun doch den vollen Eintritt.

            Den Donnerstag verbringen wir entspannt mit Lesen und sonstigen Haushaltsaktivitäten. Am Abend machen wir dann selbst Samosas, die uns auch einigermaßen gut gelingen:


            27. September

            Während die letzten Tage nicht besonders viel Inhalt hatten, ist der heutige Tag wieder gut gefüllt. Eigentlich sollte heute eine Vorlesung stattfinden, aber diesmal fragen wir den Dozenten per Whatsapp, noch bevor wir uns zum Hörsaal aufmachen, ob die Vorlesung überhaupt stattfindet. Dieser vertröstet uns dann auch prompt auf nächste Woche. Man muss allerdings zu seiner Verteidigung sagen, dass er letzte Woche noch in einen schweren Autounfall verwickelt war und anscheinend immer noch gesundheitlich etwas angeschlagen ist. Somit haben wir den Abend wieder frei.

            Am Mittag fahren wir zu dem Weike-Grundstück in Mnarani, da wir Sissi versprochen haben immer mal wieder vorbeizuschauen und die Mitglieder in Deutschland auf dem Laufenden zu halten. Vor Ort treffen wir sogar zwei Frauen, die wir schon von den vorherigen Versammlungen kannte, bei der Arbeit an. Die Wassertanks sind installiert und die Solarpumpe funktioniert einwandfrei. Das Bewässern funktioniert so viel einfacher, da die Frauen das Wasser nicht immer von einem ca. 50 Meter entfernten Brunnen mit Eimern tragen müssen, sondern einfach nur den Schlauch aufdrehen und in das Beet halten müssen. Die Frauen haben direkt auf einem Teil des Grundstücks Tomaten angepflanzt und neue Auberginensetzlinge gezüchtet. Einen Teil der Auberginen konnten sie in der Zwischenzeit ernten und auf dem Markt verkaufen.

            Nachdem wir dann noch mal bei James waren, der sein Office in Mnarani hat, und noch ein paar Dinge mit ihm besprochen haben, was unsere Freizeitplanung angeht, treffen wir uns mit den anderen im Terrace, eine Bar mit einem herrlichen Ausblick über den Creek.

            Mit dabei sind heute auch Jacob aus England und Ari aus Spanien, die beide in England ihren Doktor in Mikrobiologie machen. Sie können aber im Rahmen ihrer Doktorarbeit drei Monate nutzen, um im Ausland etwas zu machen, was gänzlich von ihrem Forschungsgebiet abweicht. So kommt es, dass sie hier an der Uni verschiedene Workshops machen, die vor Allem mit Teamarbeit im Labor zu tun haben (Jacob) und gemeinsames Erarbeiten von Inhalten über verschiedenen Krankheiten zusammen mit Jugendlichen (Ari).

            Paul fühlte sich an dem ganzen Tag etwas unwohl und ließ sich dann kurzer Hand auf dem Nachhauseweg am Krankenhaus absetzen. Wir waren etwas überrascht, aber er wollte nicht, dass jemand mitkommt. Am nächsten Tag stellte es sich heraus, dass er die Nacht dort verbracht hatte und mit einer durch Glutenunverträglichkeit ausgelösten Magenschleimhaut-Entzündung diagnostiziert wurde. Zur genaueren Untersuchung ließ er sich an dem Tag noch nach Mombasa zu einem Spezialisten bringen.

            Eine solche Unverträglichkeit stelle ich mir hier in Afrika ziemlich schwierig vor, wobei Gluten sich noch einigermaßen leicht vermeiden lässt. Was Allergien und verschiedene Ernährungsweisen angeht, prallen hier sowieso Welten aufeinander. Während es in Deutschland möglich ist, jeder beliebigen Ernährungsweise nachzukommen, sei es kohlenhydratarm, vegan, gluten- oder laktosefrei und sogar im Restaurant das meiste berücksichtigt wird, wird hier meistens gegessen, „was auf den Tisch kommt“. Dabei ist für uns zwar auch häufig die Sprachbarriere ein Problem, wenn man erklären will, was man möchte. Aber auch überhaupt das generelle Verständnis, warum man dieses oder jenes dann nicht essen will. So kam es zu Dialogen wie:

            „So I would like to have vegetarien samosas. Do you have these?“

            „Vegetarien? Yeah yaeh we have.“

            “Okay, so I would take those”

            “Okay….soooo…which meat do you like? Beef, chicken or goat?“

            Eine vegetarische oder sogar vegane Ernährungsweise ist den Menschen hier fremd. Dies konnten wir schon in Deutschland feststellen, als im Rahmen der Springschool in Karlsruhe ein veganer Kochkurs von einer Professorin aus Belgien angeboten wurde und daraufhin eine leidenschaftliche Diskussion zwischen unseren beiden kenianischen Austauschstudenten und der Professorin entbrannte. Für die beiden Kenianer war die Sache vollkommen einleuchtend: Der Mensch steht über den Tieren und es ist nur natürlich, dass er sie tötet und isst. Alles andere sei seltsam und unverständlich. Anders herum war das Unverständnis natürlich genau so groß. Wir Anderen lehnten uns zurück und beobachteten amüsiert die Diskussion.


            28. September

            Nach dieser „anstrengenden“ Woche gönnten wir uns heute mal wieder einen Tag am Strand, von dem alle mit einem leichten Sonnenbrand zurückkehrten.

            Am Abend setzen wir Deutschen uns noch mit Paul, Nigel, Abdallah und einem Kumpel von Abdallah für einen Spieleabend zusammen. Eigentlich wollte Nigel mit Dennis den Abend Schach spielen, aber als wir anderen dann alle dazu kamen, entschlossen wir uns kurzer Hand für Uno. Die Afrikaner lernten das Spiel eigentlich schnell, wobei man sich dann doch bei einigen Spielzügen fragte, ob sie es wirklich verstanden hatten oder einfach nur mal ihr Glück versuchen wollten. Aber alle hatten große Spaß, vor allem die Kenianer lachten sich regelmäßig schlapp, wenn jemand zwei oder mehr Karten ziehen musste.

            • Der Alltag pendelt sich ein

              29. September

              Nach den alltäglichen Aufgaben, wie Sport, Waschen und Einkaufen, geht es an diesem Sonntag für mich wieder an den Boatyard, um mein Anglerglück noch mal zu testen, während sich die Anderen am Boabab Beach hier in Kilifi treffen wollen.

              Nach einer langen Juckelei mit einem Boda-Boda komme ich am Boatyard an und beginne nach einem kalten Stoney Tagawizi (das Ginger-Ale aus Tansania) mein Equipment vorzubereiten. Während meiner Vorbereitungen kommt ein indisch aussehender Mann zu mir auf den Steg und fragt, ob ich nicht mit auf einen Dhow-Cruise durch den Creek mitkommen will. Anfangs bin ich noch etwas skeptisch und frage mich, ob er mir nun etwas verkaufen will, aber ich willige ein und wir fahren mit ein paar anderen Weißen mit einem kleinen Motorboot zu einer wunderschönen, großen Dhow mit zwei kräftigen Außenbootmotoren. Es stellt sich heraus, dass der indisch aussehende Mann Saliim heißt und das Boot mit drei Mann Besatzung ihm gehört. Er wohnt in Mombasa, aber hat hier ein Ferienhaus in Kilifi.

               

              Dies scheint nicht so ungewöhnlich zu sein, da auch die anderen Gäste auf der Dhow hier ein Ferienhaus zu haben scheinen. Dabei handelt es sich um zwei Brüder britischer Herkunft, die aber nun schon in dritter Generation in Kenia leben. Der eine hat mit Naturschutz und Sicherheit in den Nationalparks zu tun und hat eine indisch stämmige Frau, deren Familie aber auch schon seit mehreren Generationen in Kenia lebt. Deren zwei Kinder sind auch mit an Bord. Der andere ist Pilot für kleine Safari-Maschinen und hat eine amerikanische Freundin, die seit 3 Jahren in Nairobi lebt. Alle außer die Amerikanerin sprechen fließen Swahili. Hier zeigt sich noch einmal, wie sich die verschiedenen Kulturen doch nie so ganz vermischen und man doch meistens in seinem eigenen Milieu bleibt. Als wir andere Wazungus (Swahili für „Weiße“) am Strand sehen, scheinen sich alle Beteiligten auch schon gut zu kennen.

              Das türkise Wasser des Creek gleitet ruhig am Bug des Schiffes vorbei. Es wird kaltes Bier rumgereicht und alle wirken sehr nett und unterhalten sich gerne mit mir. Allerdings scheint die Weisheit recht zu behalten, dass man Leute nicht danach bewerten soll, wie sie mit Gleichgestellten reden, sondern wie sie mit „Untergebenen“ reden. Der erst so nett wirkende Wildlife-Beauftragte wird nach dem Cruise an der Bar zu einem sehr unangenehmen Menschen, der die Bedienung anschnauzt und beleidigt. Auch Saliim, der große Gönner, scheint ein Mensch zu sein, der es gewohnt ist, das zu bekommen, was er will und kommandiert alle herum. Alles in allem war es aber eine nette Überraschung an dem Tag und ich verabschiede mich gegen Nachmittag und nehme wieder meine Stellung am Steg ein. Da die Zeit aber nun weit vorangeschritten ist, bleibt mir nur noch eine halbe Stunde Tageslicht, daher bleibe ich auch heute ohne Erfolg.


              30. September

              Nach nun circa einem Monat hier in Kenia, hat sich der Alltag eingependelt. Mittlerweile hat man sich an das meiste gewöhnt und kennt Kilifi inzwischen schon ganz gut. Zwar entdecken wir immer wieder neue Orte, doch der größte Teil des Lebens spielt sich mittlerweile immer an denselben Orten ab.

              Inzwischen sind auch noch Jacob und Ari zu unserem Swahili-Kurs dazugestoßen, sodass wir nun schon 8 Leute sind und daher in Paulas Büro gezogen sind. Wir müssen uns zwar aus allen umliegenden Büros Stuhle ausborgen, aber immerhin gibt es genug Tische und eine Tafel. Wir steigen jetzt näher in die Grammatik ein und Swahili ist in mancher Hinsicht eine seht leichte Sprache, in anderer Hinsicht unglaublich schwer: Sätze lassen sich sehr leicht bilden, da ein Satz einfach nur aus einem Wort bestehen kann. Das Wort setzt sich dabei aus mehreren Affixen zusammen, die einmal die Person und einmal die Zeit angeben.

              Beispielsweise heißt „Nitatembea“ „Ich werde gehen“, wobei „ni“ für die Person steht (Ich), „ta“ für die Zeit (Futur) und „tembea“ immer der gleiche Wortstamm bleibt (gehen).

              Da es nur drei Zeiten gibt (Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft) müssen diese immer nur mit einer der 6 Personen kombiniert werden und man hat sein konjugiertes Verb. Allerding gibt es im Swahili verschiedene Klassen, die bis jetzt für uns vollkommen unverständlich vergeben sind und die dafür sorgen, dass sich Nomen und Pronomen ständig anpassen und verändern müssen.

              Am Nachmittag treffen wir uns und fahren zusammen zum Krankenhaus. Wir haben von Belinda gehört, die letztes Jahr hier war, dass man dort günstig einen Schnelltest auf Malaria und Dengue-Fieber machen kann und dachten, dass man sich nach 1 ½ Monaten mal testen lassen könnte. Vor allem für Paula, Dennis und Greta ist es interessant, da alle drei keine Prophylaxe nehmen oder sie abgesetzt haben. Da die Kosten aber deutlich höher sind als angenommen, machen wir nur den Malaria-Test, der bei allen glücklicherweise negativ ausfällt.

              Ich muss gestehen, dass das das einzige ist, was mir wirklich Sorgen hier bereitet. Obwohl ich alle Impfungen bekommen habe, die es zurzeit auf dem Markt gibt und regelmäßig meine Prophylaxe einnehme, gibt es noch eine lange Liste an Krankheiten, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Als ich meinem Arzt in Karlsruhe erzählt habe, dass ich 4 Monate in Ostafrika verbringen will, da meinte er nur so „Ach da haben Sie sich ja was Schönes ausgesucht. Es gibt, was Krankheiten angeht, praktisch keinen weniger gefährlicheren Ort auf der Welt“.

              Das gruselige ist, dass eine Krankheit schleichend kommt und man nicht wirklich etwas dagegen unternehmen kann. Schlangen, Skorpione und andere gefährliche Tiere lassen sich irgendwie leichter vermeiden und es noch deutlich unwahrscheinlicher mit einem solchen in Kontakt zu kommen. Aber eine winzige Mücke lässt sich praktisch nicht vermeiden. Sie sind überall und selbst mit Moskitonetz, langen Klamotten und Repellent lässt sich ein Stich nicht vollkommen vermeiden, vor allem da es sowohl tagaktive als auch nachtaktive Mücken gibt. Im Durchschnitt haben wir alle wahrscheinlich so 1 – 3 Stiche pro Tag.

              Malaria ist hier immerhin sehr gut erforscht und die Prophylaxe funktioniert gut, auch ohne Nebenwirkungen. Dengue, Chinguya-Fieber oder Schlafkrankheit machen mir eher Sorgen, da es noch keine medizinische Gegenwaffe gibt. Wobei man auch sehen muss, dass wir im Gegensatz zum Großteil der hiesigen Bevölkerung eine optimale medizinische Versorgung haben können und uns im Grunde jederzeit nach Hause bringen lassen können.

              Naja am Ende hilft ja alles nichts und ich eigene mir einfach mal wieder das praktische Sprichwort „Inschallah“ („so Gott will“) an, was hier von vielen Muslims gerne und häufig verwendet wird. Wenn Gott will, dass wir hier heil wieder rauskommen, dann wird uns schon nichts passieren.

               

              1. Oktober

              Am heutigen Tag haben wir endlich unsere erste Vorlesung. Unser Dozent ist ein kleiner, etwas untersetzter Mann, der uns sehr motiviert in die Grundlagen des Marketings einführt. Anfangs sitzen nur wir Deutschen und ein anderer Student, der der schon letzte Woche mit uns vergeblich auf den Dozenten gewartet hatte, im großen Hörsaal. Je länger aber die Vorlesung dauert, desto mehr Studenten kommen hereinspaziert und am Ende sind wir immerhin ca. 10 Zuhörer.

              Vor der Stunde erfahren wir auch noch, dass die Vorlesung, die letzten Freitag ausgefallen ist, weil sich der Dozent noch von seinem Unfall erholen musste, jetzt schon diesen Montag stattgefunden hat und wir somit die erste Vorlesung verpasst haben. Hier zeigt sich ein weiterer großer Unterschied zu Deutschland: Hier funktioniert alles informell. Auf offizielle Statements ist kaum Verlass. Die Vorlesung mag zwar für Freitagabend in dem und dem Raum geplant sein (wenn es überhaupt einen offiziellen Plan gibt), aber dann wird schnell auf Whatsapp abgemacht, dass man sich diese Woche doch lieber an einem anderen Tag in einem anderen Raum treffen will. Immerhin werden wir jetzt auch in die Whatsapp-Gruppen aufgenommen und kriegen nun immerhin mit, wenn es eine solche Änderung gibt.


              2. Oktober

              Da heute der letzte schönen Tag für die nächsten 10 Tage sein soll, Waschen wir morgens unsere Wäsche, die dann schön in der Sonne trocknen kann und legen uns dann anschließen selbst am Strand in die Sonne.

               


              3. Oktober

              Wir haben vor zwei Tagen ein Plakat in der Uni hängen gesehen, auf dem zu einem Lunch für 300 Ksh im Red Buffalo eingeladen wurde. Das Red Buffalo ist ein kleines Restaurant auf dem Campus und wir wissen nicht genau, was uns erwartet. Als wir ankommen stellt sich heraus, dass das Lunch von Studenten der Fakultät Hospitality and Tourism Management organisiert wird und zu einer Art Training gehört. Es gibt daher 15 Kellner in schicken Anzügen mit Fliegen, allerdings wir sind die einzigen Gäste. Unsere Flip-Flops und Shorts passen auch nicht so ganz zu dem 3-Gänge-Menu, was es uns serviert wird, aber es scheint keinen so richtig zu stören. Alles in allem ist es doch eine recht ulkige Atmosphäre.


              Wie angekündigt kommen heute den ganzen Tag platzregenartiger Schauer herunter, die teilweise für Stunden anhalten. Die Erde weicht auf und die ungeteerten Straßen werden zu Matschpisten. Wir müssen sogar unseren Swahilikurs etwas früher beenden, da unsere Lehrerin Sorgen hat, auf diesen Straßen nicht mehr nach Hause zu kommen. Heute haben wir uns übrigens mit den Nummern beschäftigt und es ist wie immer: auf den ersten Blick sieht alles so einfach aus, aber dann muss alles an die Klasse des Nomen angepasst werden und schon weiß man nicht mehr weiter.

              Wir hoffen, dass das Wetter nicht lange so bleibt, da bald Valerias und Laras Gäste kommen, aber der Wetterbericht macht wenig Hoffnungen: Für die nächsten 10 Tage ist nur Gewitter und Regen angesagt. Dabei sollte der Oktober eigentlich noch trocken und heiß werden und erst zum November hin sollte die kleine Regenzeit starten. Naja, bleibt nichts anderes übrig als Abwarten und Tee trinken.


              4. Oktober

              Heute ist das Wetter entgegen der Ansage den ganzen Tag sonnig. Das gibt etwas Hoffnung für die restlichen Tage.

              Aus dem Internet erfahren wir, dass für die Region Mombasa, Kwale County und Kilifi County Terrorwarnungen ausgegeben wurden.  Anscheinend sind somalische Jihadisten nach Kenia gekommen, um im Rahmen eines nationalen Feiertages hier in Mombasa Terroranschläge zu verüben. Als mögliche Ziele werden Shopping Malls, Bahnstationen, Flughäfen und auch Universitäten und Schulen ausgegeben. Diese Meldung kam am Montag raus und am Dienstag kam eine weitere Meldung, dass die kenianische Polizei bei einer Razzia in Mombasa 3 mutmaßliche Terroristen erschossen und 7 weitere festgenommen hat.

              Als das macht einem schon ein mulmiges Gefühl, obwohl die Einheimischen ganz entspannt damit umgehen. Alles sei sicher und diese Meldungen gäbe es ständig. Die Vergangenheit deutet aber etwas anderes an: Alleine im Januar dieses Jahres gab es einen Anschlag auf einen Hotel- und Bürokomplex in Nairobi mit vielen Toten. Die aus Somalia agierende, islamistische Al-Shabaab will mit diesen Anschlägen Kenia dazu zwingen, ihre Friedensmission in Somalia zu beenden.

              Auf der anderen Seite kann man auch nicht wirklich etwas machen, außer sich Sorgen zu machen. In den nächsten Wochen müssen Lara und Valeria ständig zum Flughafen und wir wohnen sogar auf dem Campus. An diesen Dingen lässt sich nichts ändern und selbst wenn, so kann man sein Leben doch nicht nach einer diffusen, andauernden Gefahr ausrichten. Außerdem wussten wir von Anfang an, dass hier diese Gefahr bestünde und rational betrachtet ist die Gefahr in einen Terroranschlag verwickelt zu werden deutlich kleiner, als beispielsweise bei einem Autounfall (sowohl in Kenia als auch in Deutschland) zu verunglücken. Am Ende kann man genauso gut Opfer eines Terroraktes in Frankreich oder Deutschland werden (wie sie ja diese und letzte Woche wieder stattgefunden haben). Absolute Sicherheit gibt es nicht und ich sehe es nicht ein, in Angst zu leben!

               

              • Arbeit und Spaß

                6. Oktober

                Für den heutigen Sonntag hatte ich einen langen Spaziergang am Strand geplant. Die anderen behaupteten zwar, es wäre kaum möglich mehr als 200 Meter zu laufen, da überall Felsen und Brandung sei, aber ich wollte es zumindest versuchen. Außerdem wollte ich nicht schon wieder einen Tag damit verbringen, nur herumzuliegen und nichts zu tun. Mit einem Boda-Boda für nicht mal einen Euro kommt man direkt an den Strand in der Nähe des Creek. Es war gerade eine Stunde vor der tiefsten Ebbe und der Strand breitete sich wunderbar weiß vor mir aus. Es war noch nicht viel los und der Strand war an den meisten Stellen zwischen 30 – 50 Meter breit, so dass man problemlos so lange laufen konnte, wie man wollte. Ich spazierte los und verstand auch schon bald, warum unsere Freunde von hier meinen, dass man anstatt auf Sansibar auch einfach hier am Strand entspannen könnte. Hier gibt es zum Glück auch kaum Beachboys und die wenigen lassen sich auch schnell mit ein paar Sätzen Swahili abwimmeln. Da zeigt sich schnell, wie sinnvoll es doch ist, die hiesige Sprache zu lernen. Die Leute nehmen einen ganz anders war und die Reaktionen sind lockerer und nicht so aufdringlich. Obwohl ich zur Mittagszeit unterwegs bin, lässt es sich hier deutlich besser aushalten, als bei uns im Haus, da hier immer eine leichte Brise weht.

                 

                Da heute Valerias Freundin Jenny aus Deutschland ankommt, kochen wir heute mal wieder ein kleines Festmahl mit Samosas und allen möglichen Beilagen.


                7. & 8. Oktober

                Die Tage vergingen unaufgeregt mit Swahili-Kurs, Vorlesungen einschließlich Vor- und Nachbereitung, Waschen, Sport und so weiter.

                Am Dienstag fuhren wir dann noch in schrottigsten Tuk-Tuk der Welt zu einer kleinen Bar, die Nautilus heißt und an der alten Fährenstation liegt. An dieser Stelle führt eine große Rampe direkt ins Meer, welche noch aus der Zeit stammt, als Kilifi noch keine Brücke hatte und die einzigen Möglichkeiten, auf die andere Seite des Creeks zu gelangen, waren entweder ein langer Umweg außen herum oder eben jene Fähre zu nehmen.

                Nautilus ist eine sehr schöne Bar, die auf Stelzen direkt über dem Creek steht. Alles ist mit Buntglas dekoriert, allerdings sind die Preise eher auf Touristen ausgelegt, als auf Einheimische.


                9. Oktober

                Valeria und Jenny sind inzwischen nach Sansibar abgeflogen, allerdings hält sich der Neid in Grenzen, da es dort die ganze Zeit nur regnet. Auch hier ist das Wetter nicht besonders und wir genießen frisch aufgebrühten Kaffee im Trocknen unseres Wohnzimmers. Paula hat ihn extra für uns aus Nairobi mitgebracht und wir bereiten ihn auf die traditionelle Weise zu: Man kocht den Kaffee in heißem Wasser auf und gießt ihn dann vorsichtig durch ein dünnmaschiges Sieb.

                Am Abend fahren wir noch zum Boatyard, wo es mittwochs immer Rips & Chips gibt und sich die britische und süd-afrikanische Gesellschaft betrinkt, da morgen der nationale Moi-Feiertag ist und alle frei haben. Dabei wird dem verstorbenen Präsidenten Moi gedacht, der als einer der Gründungsväter des modernen Kenias gilt.


                10. Oktober

                Da heute Feiertag ist, haben wir uns mehr oder weniger selbst bei Ari und Jacob eingeladen. Ihre Professorin wohnt mit ihrem Mann in einem schicken Haus mit Pool und großem Garten. Wir entspannen den ganzen Tag dort und die drei Hunde, die zum Haus gehören, sind großes Entertainment. Am Nachmittag laufen wir noch an den nahegelegenen Strand und spielen einige Runden Flunkyball. Normalerweise benötigt man dafür eine Flasche mit Wasser, eine Zwiebel mit Tape umwickelt und ein paar Biere, aber wir behelfen uns mit Sand vom Strand und einer Kokosnuss, die von der Brandung angeschwemmt wurde.

                 

                11. Oktober

                Da ich morgen Fischen gehen möchte, bittet mich der Captain des Bootes schon mal eine kleine Anzahlung zu machen, um Sprit und Getränke zu kaufen. Ich soll ihm das Geld über MPesa überweisen. Dies ist ein Dienst, der vom größten hiesigen Netzanbieter Safaricom angeboten wird und ähnlich wie PayPal funktioniert (Pesa = Geld). Während in Deutschland das meiste noch mit Bargeld bezahlt wird, hat sich diese Zahlungsmethode hier seht verbreitet. Interessant ist dabei, wie mache Stadien der Entwicklung in einer Gesellschaft einfach übersprungen werden: Das mobile Zahlen ist hier überall angekommen, aber kaum jemand zahlt hier mit EC- oder Kreditkarte. Das liegt auch unter anderem daran, dass sich viele kein eigenes Konto leisten können und daher diese Zahlungsmethode bevorzugen.

                Das Prinzip ist recht einfach. Man kann an allen Safaricom-Läden sein Guthaben mit Bargeld aufladen. Und von diesen Läden gibt es eine ganze Menge. An diesen Läden kann man dann sein Guthaben auch einfach wieder in Cash auszahlen lassen. Wenn man nun mit seinem Guthaben irgendwo bezahlen möchte, kann man einfach die Telefonnummer eingeben und das Geld überweisen. Dabei hat jeder noch so kleine Laden oder Tuk-Tuk-Fahrer ein Schild mit seiner MPesa-Nummer und bietet somit diesen Service an. Ab einer gewissen Summe kommt dabei allerdings eine Service-Gebühr von ein paar Schilling drauf.

                Nach einem bisschen hin und her und der Hilfe eines Bekannten in Kibaoni (welcher einen solchen Safaricom-Laden betreibt) habe ich mich registriert und kann diesen Service nun auch nutzen.


                12. Oktober

                Heute um 7 geht es raus an den Fischerhafen, um mit einer Dhow ein bisschen über dem Riff zu angeln. Paul wollte mich begleiten, taucht aber erst mal nicht auf. Als ich ihn dann anrufe, stellt sich heraus, dass er immer noch im Bett liegt, aber er schafft es tatsächlich in 20 min dort zu sein.

                Die Sonne scheint und wir scheinen Glück mit dem Wetter zu haben. Während das Wasser im Creek ruhig und sanft ist, werden wir über dem Riff mit der kleinen Dhow ganz schön durchgerüttelt. Paul bekommt es mit der Seekrankheit zu tun und der Kater vom Vortag scheint auch nicht gerade zu helfen. Während er die Fische füttert, bin ich eigentlich ganz frisch und die Fische beginnen schnell zu beißen. Nach fünf Stunden ist Pauls Magen leer und das Boot voller Fische. Dabei lässt sich der Fang sehen:

                 

                Dabei muss ich sagen, dass ich anfangs ein etwas schlechtes Gewissen bei den schönen Riff-Fischen hatte, die man normalerweise beim Schnorcheln oder Tauschen fasziniert beobachtet, aber die beiden Fischer auf unserem Boot sind der festen Überzeugung, dass diese auch besonders wohlschmeckend sind (womit sie auch recht behielten!). Außerdem sollte man ja eigentlich keinen Unterschied machen, nur weil etwas schön oder niedlich in unseren Augen ist. Ein Kalb oder ein Huhn können auch niedlich sein und trotzdem denken wir nicht so viel darüber nach, wenn es mal wieder Schnitzel gibt.

                Am Abend laden wir dann die ganze Truppe zu uns zum Essen ein. Ich improvisiere etwas, da es schon länger her ist, dass ich selbstgefangenen Fisch zubereiten durfte, aber ich finde das Ganze ist mir sehr gut gelungen. Besonders der Red Snapper war super lecker! Die dunklen Trigger-Fische auf der rechten Seite mussten gehäutet werden, da deren Haut hart und dick wie Leder ist. Diese Fische haben dann eine kleine Mehlpanade bekommen und wurden mit viel Öl in der Pfanne gebraten.

                 

                 


                • Back in the wild

                  13. Oktober

                  Am heutigen Tag kommt Laras Freund Matze, der auch ein guter Kumpel von mir ist, aus Deutschland zu Besuch. Matze bringt Schokolade mit und Lena hat ihm sogar noch ein Glas Nutella für uns mitgeben. Schön, dass mich meine Freunde so gut kennen. :D

                  Ich habe mich schon länger darauf gefreut, jemandem von Zuhause zu zeigen, wie wir hier so leben und in die besonderen Insider und Geheimtipps dieser kleinen Stadt einzuweihen. Da von mir aber wahrscheinlich keiner mehr vorbeikommen wird, ergreife ich nun die Chance und wir laufen alle gemeinsam durch Kilifi und erzählen Matze, wo wir einkaufen, essen oder sonstige Dinge erledigen.

                  Außerdem kochen wir dann am Abend zusammen die lokalen Gerichte wie Pilau und Samosas. Inzwischen sind auch Jenny und Valeria aus Sansibar zurückgekommen und unser kleines Haus ist gut besucht.


                  14. Oktober

                  Heut geht es zum zweiten Mal auf Safari. Wir sind eine große Gruppe, da neben uns 6 deutschen Studenten auch noch Jenny, Matze und Paulas Freund Bongani mit dabei sind. Im Dunkeln um halb 6 Uhr morgens brechen wir auf. Wir machen die gleiche Tour wie Lena und ich damals, allerdings sind wir jetzt in zwei Autos unterwegs und übernachten auch in anderen Unterkünften.

                  Dabei kann man sagen, dass keiner der vier Tagen langweilig war, weil jeder Tag auf Safari anders als der vorherige ist. Die Landschaft hat sich in dem einen Monat sehr verändert. Die Regenzeit hat schon deutlich früher eingesetzt und überall ist Grün wo vorher noch Braun war. Dies lässt zwar die Landschaft noch unglaublicher & schöner erscheinen, doch bringt es auch ein paar Nachteile mit sich: Manche Straßen, die wir nehmen wollten sind durch die heftigen Regenschauer der vergangenen Wochen weggespült worden und wir müssen manchmal längere Umwege nehmen oder können gar nicht zu einem Ort, den wir geplant hatten aufzusuchen. Außerdem bietet das dichtete Buschwerk nun noch mehr Versteckmöglichkeiten für die Tiere und da es Wasser und Futter im Überfluss gibt, müssen sie auch nicht mehr wandern, sondern bleiben einfach ein einem Ort, was sie ebenfalls schwerer zu entdecken macht.

                  Als wir ankommen und durch den Park fahren, genießen wir aber einfach nur die Landschaft. Die Wolken am Himmel geben dem Ganzen mehr Kontrast und die Vulkane breiten ihre majestätischen Schatten über die saftigen Täler aus. Es ist sehr schön zu sehen, wie überschwänglich sich die anderen über die Safari freuen, vor allem Lara meint, dass sie sich damit einen ihrer Lebensträume erfüllt.  Für mich als „alten Safari-Hasen“ (ich habe mal grob überschlagen und komme wahrscheinlich auf über 30 Tage in den Nationalparks in Afrika) ist es nicht mehr so was Neues, aber doch jedes Mal spannend. Am Abend kommen wir dann auch in unserer Lodge, der Kilaguni Serena Safari Lodge an, die super fancy ist und uns mit ihrem Essen, dem Ausblick (mit Blick auf den Kilimanjaro) und der warmen Dusche im 7. Himmel schweben lässt.

                   

                  Am späten Nachmittag erfahren wir dann, dass es scheinbar auf dem Campus Demonstrationen und Ausschreitungen gegeben hat und daher unsere Vorlesung ausfällt. Viel mehr lässt sich an dem Tag allerdings nicht herausfinden und die Informationen kommen nur häppchenweise. Ein klares Bild haben wir erst am Ende der Woche: Die Bachelor-Studenten haben wohl aufgrund von zu harter Benotung im letzten Semester, der Aufforderung der Uni, dass die Studenten ihre Studiengebühren zahlen müssen und anderer Gründe, auf dem Campus protestiert. Das Ganze hat sich dann schnell in gewalttätige Ausschreitungen verwandelt, bei dem verschiedenen Gebäude wie die Bibliothek und Objekte wie Stühle und Lampen massiv beschädigt oder zerstört wurden. Daraufhin hat die Polizei Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt, um den Campus zu räumen. Am Abend veröffentlichte dann der Uni-Senat ein Memo, dass die Uni bis auf Weiteres geschlossen bleibe. Unsere kenianischen Freunde meinen, dass dies durchaus bis Januar dauern kann. Dies scheint gar nicht so abwegig, da auch am Donnerstag, als wir wieder da sind, erneut hunderte Studenten vor den Toren der Uni protestieren. Unsere Master-Vorlesungen sind allerdings nicht davon betroffen und finden wie gewohnt statt.

                  Ähnliche Vorfälle gab es außerdem u. a. in der Kenyatte University und der Moi University in Nairobi. Somit sind momentan fast alle Universitäten in Kenia geschlossen. Dabei haben wir mit dem momentanen Kenntnisstand kaum Verständnis für die Proteste. An den Protesten hier haben ca. 300 Studenten teilgenommen und nun müssen die restlichen 6000 Studenten das Ganze ausbaden. Außerdem werden die Kosten für die Erneuerung des Campus einfach direkt auf die Studenten umgelegt. Am Ende ist es eine Lose-Lose-Situation für alle. 


                  15. Oktober

                  Nach einer landschaftlich wunderschönen, aber mehr oder weniger tierarmen Safari fahren wir heute weiter nach Amboseli, der Park am Fuße des Kilimanjaro. Auch diesmal haben wir wieder Glück mit der Szenerie, denn der Kilimanjaro ist fast die ganze Zeit gut sichtbar und selten sind Wolken davor. Bei unserem Trip vor einem Monat haben wie diesen gewaltigen Berg nur kurz in den letzten Tagestunden und am frühen Morgen gesehen und sonst war er immer von einer massiven Wolkenfront verdeckt.

                   

                  Auf der Safari sehen wir natürlich wieder viele schöne Tiere, unter anderem Löwen, Hyänen, Elefanten, Büffel und Zebras. Dabei fällt mir auf, wie viel Wissen ich über diese Tiere seit meiner Kindheit angesammelt habe. Ich hatte schon immer eine unglaubliche Faszination für Tiere, besonders in Afrika und wollte als Kind lange Zeit „Ranger“ von Beruf werden. Nun kann ich meine lieben Mitreisenden mit meinem Wissen nerven und beeindrucken. 




                    

                  16. Oktober

                  Am heutigen Tag bin ich nun zwei Monate in Afrika. Damit bin ich ziemlich genau bei der Halbzeit angekommen. Als erstes Resümee kann ich sagen: ich habe so viele neue Eindrücke von diesem Kontinent bekommen, die ich davor nie hatte. Da wir meistens unter uns, in der Natur unterwegs waren, haben wir viel von den Leuten und dem eigentlichen Alltagsleben hier verpasst. Nun habe ich auch viele Afrikaner als Freunde und sehe wie man hier lebt. Das alles habe ich mir deutlich schwieriger vorgestellt als es nun ist. Ich kann mich hier überall frei bewegen, kann die gleichen Dinge kaufen und essen wie die Einheimischen und habe mich schon sehr an das Leben hier angepasst.

                  Allerdings würde ich mir nach dieser langen Zeit doch wünschen, dass die Uni etwas fordernder wäre und nicht so langsam vor sich hinplätschern würde. Die Zeit ist zwar auch unglaublich entspannt und wir haben viele Dinge, die wir noch in unserer Freizeit machen können, aber so langsam macht sich ein Gefühl der Ziellosigkeit breit. Ich hatte zwar schon damit gerechnet, aber nicht gedacht, dass es mich so stören würde. Ich hoffe aber, dass es zum Ende des Semesters noch mal anzieht, da wir pro Vorlesung eigentlich ein Mid-term-exam schreiben, ein Paper einreichen, eine Präsentation halten und das final exam schreiben müssen.

                  Heute fahren wir weiter über eine lange holprige Strecke nach Tsavo East, wo wir in der Ngutuni Lodge schlafen, welche in einer eigenen kleinen Sanctury liegt, die an den eigentlichen Park angeschlossen ist. Auch hier ist wegen der früher einsetzenden Regenzeit alles grün und leider fängt es auch am Nachmittag an zu regnen, was ziemlich auf die Stimmung drückt. Allerdings haben wir wieder Glück mit den Löwen, da diesmal nah an unserer Lodge ein Rudel einen Büffel erlegt hat uns jetzt genüsslich daran herumknabbert.


                  Außerdem wirken die Tiere durch die feuchte, rote Erde noch röter, als sie es bei uns getan haben. Vor allem mit dem saftigen, grünen Gras und den wolkigen Himmel ergibt das ein tolles Kontrastbild. Als wir dann am Abend zur Lodge zurückkommen, können wir an dem Wasserloch auch noch zwei mächtige Elefantenbullen beobachten, die sich einen Kampf im Licht der Scheinwerfer liefern.

                   

                  17. Oktober

                  Auch am heutigen Tag regnet es immer wieder und wir sehen nur wenige Tiere beim Fahren. Außerdem können wir nicht wie geplant zum Galana River fahren, da auch hier die Straßen weggeschwemmt wurden. So fahren wir dann etwas enttäuscht von dem Tag, aber insgesamt sehr glücklich über die ganze Safari gegen Mittag aus dem Park und essen am Gate noch unser Lunch. Hier können wir noch mal einen Blick auf einen anderen Fluss werfen und wollen nach Krokodilen und Hippos Ausschau halten, doch sehen erst mal nichts. Dann kommt ein Mann vom nahegelegenen Souvenirladen und ruft und klatscht ein paar Mal. Auf einmal steigt aus den Fluten ein gewaltiges Krokodil auf und wartet darauf gefüttert zu werden. Der Mann meint, er hat es durchs Füttern dressiert und wir können es sogar streicheln, aber keiner traut dem Braten so richtig.

                   

                  Danach machen wir uns auf den Rückweg nach Kilifi. Auf dem Weg sehen wir, dass es auch hier viele Überschwemmungen gegeben hat und dass die Regenfälle an der Küste sehr stark gewesen sein müssen. Am Nachmittag kommen wir zuhause an und sind ganz froh darüber, als wir sehen, dass unser Haus nicht bei den Protesten beschädigt wurde.


                  18. Oktober

                  The Terrace ist eine Bar am Creek mit einer wunderschönen Aussicht, wo wir uns schon den ein oder anderen Drink gegönnt haben. Heute Abend findet dort eine Party statt, die wir uns mal genauer anschauen wollten. Da aber Jenny heute Nacht noch fliegt und Lara und Matze auch am morgen zum Flughafen für ihren Flug nach Sansibar müssen, gehen wir etwas früher. Wie zu erwarten sind wir dann allerdings erst mal die einzigen Gäste, aber da auch Paul, Jacob und Ari dazustoßen, gibt es erst mal genug zu erzählen. Der Abend plätschert so vor sich hin, aber es kommt nie so richtige Stimmung zum Tanzen auf und so beschließen wir noch ein bisschen weiter zu ziehen.

                  Neben unserer ersten Anlaufstelle hier in Kilifi, dem Dhows Inn, gibt es einen richtigen Nachtclub, die Vlounge oder Vauge, wie es hier die meisten nennen. Anstatt eines Eintritts muss man hier am Eingang direkt ein Getränk kaufen, was man dann drinnen gegen ein kaltes Getränk aus der Bar tauschen kann. Der Club wirkt fast wie ein Nachtclub in Europa und auch die Musik ist gut. Aber auch hier gibt es keinen Platz zum Tanzen und die meisten Leute sitzen auf ihren Stühlen und schlürfen kalte Getränke. Da wir auf einer kleinen Empore stehen, haben wir einen guten Blick über den Club und können von hier aus wunderbar die großen und kleinen Dramen eines typischen Diskoabends beobachten.

                   

                  19. & 20. Oktober

                  Die Tage vergehen ohne weitere besondere Vorkommisse und wir sind immer noch damit beschäftigt, alles nachzuholen, was wir in den letzten Tagen nicht machen konnten: Vorlesungen nachholen und vorbereiten, Waschen, Vorräte aufstocken, Berichte schreiben etc.


                  • Anstoß, zweite Hälfte

                    21. Oktober

                    Mit dem langen Urlaub und der entspannten Zeit intus, bin ich eigentlich wieder ziemlich motiviert, anzufangen und habe mich auch gut vorbereitet, aber dann fällt die Vorlesung heute schon wieder aus. Gestern war ein weiterer Feiertag und in Kenia wird das Ganze dann ein bisschen anders gehandhabt: Anstatt dass der Arbeitnehmer dann einfach Pech hat, wenn die Feiertage aufs Wochenende fallen, werden sie hier an dem folgenden Montag einfach nachgeholt. Eigentlich keine schlechte Idee, aber so fällt diese Vorlesung auch schon wieder aus.

                    Dann verbringe ich den Tag halt anderweitig (mehr oder weniger) produktiv am Rechner und leite schon mal ein paar Dinge für meine Masterthesis ein. Außerdem machen wir heute einen kleinen Spaziergang über den Campus und schauen uns die Schäden der Aufstände an. An der Bibliothek sieht es dabei am schlimmsten aus. Hier sind gast alle Scheiben zerschlagen oder rausgedrückt. Wir erfahren im Laufe der Zeit immer mehr Gründe, warum die Proteste aufgekommen sind und manche haben Verständnis, andere weniger. Es mangelt wohl auch unter anderem an Lehrmaterial und Stühlen, sodass die Studenten teilweise in den Vorlesungen auf dem Boden sitzen müssen. Außerdem müssen sie jedes Jahr Gelder für Ausflüge zahlen, die aber nie stattfinden. Allerdings bleibt es weiterhin fragwürdig, Stühle und Tische zu zerschlagen, um für mehr Stühle und Tische zu protestieren.

                     

                    22. Oktober

                    Heute dann endlich mal wieder Action an der Uni. Am Morgen haben wir eine extra lange Stunde Swahili und lernen Unmengen an neuen Vokabeln. Diesmal dreht sich alles ums Essen.

                    Am Abend haben wir dann auch tatsächlich wieder unsere Marketing-Vorlesung, allerdings auch nur 1 ½ anstatt 3 Stunden. Außerdem wird dabei klar, dass es inzwischen etwas unwahrscheinlicher geworden ist, dass wir auch pünktlich unsere Prüfungen schreiben können. Da sich alles etwas nach hinten verschiebt und jetzt die Situation auch eine ganz andere ist, weil kaum jemand damit rechnet, dass die Bachelorstudenten dieses Jahr noch zurückkommen dürfen, kann es sein, dass die Prüfungen erst später stattfinden werden…dann aber ohne uns. Aber das Ganze steht noch in den Sternen.


                    23. Oktober

                    Heute genießen wir mal wieder die Sonne am Strand. Leider hat sich das Wasser im Creek aufgrund der heftigen Regenfälle der letzten Tage vor allem landeinwärts, von einem wunderschönen Türkis-Blau zu einem trüben Braun-Gelb verwandelt. Dies ist jetzt gerade besonders schade, weil wir am nächsten Morgen einen Dhow-Cruise geplant hatten, welcher nun ins Wasser fällt, da sowohl zum Schnorcheln als auch zum Fischen die Sicht einfach zu schlecht ist.

                    Heute kommen Lara und Matze etwas erschöpft, aber glücklich aus Sansibar zurück.


                    24. & 25. Oktober

                    Da unser Dhow-Cruise ins Wasser gefallen ist, müssen wir wenigstens nicht so früh aufstehen heute. Dann fahren wir mit ein paar Klamotten, Essen und Drinks zu unserer heutigen Übernachtungsmöglichkeit: Dem Hausboot im Creek. Als wir uns vor über einem Monat erkundigt haben, wem dieses Boot gehört, konnte ich mir nicht vorstellen, wie schnell der Tag kommen würde, an dem wir selbst drauf dürfen.

                    Es ist wunderschön. Egal aus welcher Tür man geht, egal aus welchem Fenster man schaut, man ist direkt am Wasser. In der Nähe schauen die immergrünen Blätter der Mangroven aus dem glitzernden Wasser und um uns herum dümpeln kleine Segelboote und Katamarane. Unter dem Boot tummeln sich hunderte bunte Fische und über uns zieht ein Schreiseeadler seine Kreise.

                     

                    Wir verbringen die ganzen zwei Tage auf dem Boot und fahren nur zum Mittagessen einmal zum Boatyard auf der Mnarani-Seite und einmal zu Mother Biggys auf der Kilifi-Seite. Wenn man das Hausboot bewohnt, gehört zum Service ein kleines Motorboot, was einen auf Wunsch umsonst entweder zum Bootyard oder zur alten Fährenstation bringt. Die Zeit vertreiben wir uns mit Angeln, Kartenspielen, Schnorcheln, Schwimmen und von der Dachterrasse in den Creek zu springen.

                     

                    Auf dem Boot können 6 Leute schlafen und da wir so viele sind, nutzen wir das Boot in zwei Schichten. Tagsüber ist aber genug Platz für alle. Nachts kann man das fluoreszierende Plankton im Creek sehen, wenn man die Hand schnell im Wasser hin und herbewegt. Obwohl ich es mir immer etwas spektakulärer vorgestellt habe, ist es trotzdem sehr faszinierend. Wir beschließen, noch einmal hier hinzukommen, bevor wir alle wieder nach Deutschland fliegen. Am Freitagabend machen wir uns dann wieder zurück zum Campus, während die anderen ihre Nacht auf dem Hausboot verbringen.


                    26. Oktober

                    Als wir mit James vor einem Monat bezüglich der Safari gesprochen hatten, hatte ich auch erwähnt, dass ich mir gerne den, zwischen Kilifi und Malindi liegenden, Arabuke Sokoke Forest anschauen wollte. Dabei handelt es sich um einen Überrest eines riesigen Küstenregenwaldes, der sich früher von Somalia bis Tansania erstreckte. Hier gibt es tausende Arten von Schmetterlingen und Vögeln, aber auch vereinzelte Büffel und Elefanten. Normalerweise braucht man einen Führer und es kostet auch Eintritt in den Wald zu kommen, aber James erzählt uns, dass er in einer Whatsapp-Gruppe von Naturliebhabern ist, die sich alle zwei Wochen am Samstag treffen und eine kleine Wanderung durch den Wald machen, bei der man sich einfach kostenlos anschließen kann. Da es von den Daten gerade so passt, dass Matze noch da ist, beschließen wir zusammen zu diesem Treffen zu gehen. James bietet uns sogar an, dass wir einen von seinen Fahrern für ein bisschen Sprit- und Trinkgeld nehmen können. Wir überlegen aber auch noch, direkt zu einer anderen Sehenswürdigkeit, der „Hell’s Kitchen“, zu fahren, die auch ca. in diese Richtung liegt. Dafür buchen wir nun aber einen richtigen Trip bei James, weil wir dann fast den ganzen Tag unterwegs sind.

                    Am frühen morgen um halb 6 werden wir von einem Fahrer von James abgeholt. Sehr verschlafen geht es Richtung Malindi, zum Eingang des Forests. Dort treffen wir dann die Gruppe, mit der wir unterwegs sein werden. Diese besteht aus ca. 6 Einheimische, die hier in der Nähe wohnen und ein besonderes Interesse an der Flora und Fauna dieses Regenwaldes haben. Dies ist soweit interessant, da man normalerweise nie Schwarze sieht, die sich besonders für die Natur in ihrem eigenen Land interessieren. Meistens sind es (ausländische) Weiße, die entweder als Touristen kommen oder zugezogen sind. Dies liegt natürlich auch einerseits daran, dass es sich viele nicht leisten können, auf Tour durch die Nationalparks zu gehen, aber auch daran, dass sie mit dieser Natur aufgewachsen sind die Tiere teilweise auch in ihrem sonstigen Alltag erleben. Viele haben daher auch schlichtweg kein Interesse daran. Bei unseren Gruppenmitgliedern handelt es sich aber um sehr motivierte Ornithologen in allen Altersklassen, die hunderte Vogelnamen auswendig kennen und die Vögel schon anhand ihres Gezwitschers erkennen können. Aber auch mit Pflanzen und ihren Fähigkeiten, als Heilmittel (teilweise hat das Ganze aber auch viel mit Hexerei zutun) kennen sich einige sehr gut aus. Begleitet werden wir von einem furchteinflößenden, schwer bewaffneten und maskierten Ranger, der aber eigentlich ein ganz lieber Kerl ist und meiner Meinung nach einfach mal ein bisschen Eindruck schinden wollte.

                    Wir werden mit einem Auto der Park Authoritys zu einem Platz mitten im Park gebracht, von wo aus wir unsere zweistündige Wanderung Richtung eines Sumpfes starten, wo wir dann auch wieder von diesem Auto abgeholt werden. Bevor wir loslaufen bleiben wir erst mal 10 Min stehen, um zu hören, welche Vögel so um uns herum zwitschern. Alle Gruppenmitglieder machen sich fleißig Notizen, welche Vögel sie identifizieren können. Während wir so durch den Regenwald spazieren, wird es immer schwüler und wärmer. Auf dem Weg sehen wir hauptsächlich Vögel und Schmetterlinge. Am Ende wird dann noch mal für alle rekapituliert, was wir alles gesehen haben und wir machen noch ein Gruppenbild.

                     

                    Von Forest geht es dann weiter über Malindi ins Landesinnere Richtig Marafahu, bzw. Hell’s Kitchen. Hell’s Kitchen sieht aus wir der Grand Canyon in klein und ist eine außerirdische Landschaft, geschaffen durch Erosion. Der Name kommt daher, dass es im Canyon immer zwischen 35 und 55° C hat. Zum Glück ist es heute aber leicht bewölkt, sodass es sich gerade so aushalten lässt. Auch hier haben wir einen Guide, der uns um und durch den Canyon führt. Die Sand- und Gesteinsformationen ändern sich hier jedes Jahr und der Krater wächst kontinuierlich. Die Einheimischen versuchen das Wachstum in die Breite aber durch das Pflanzen von Bäumen etwas einzudämmen, was auch gelingt. Allerdings gräbt sich das Wasser immer weiter und Hell’s Kitchen wird jedes Jahr ein bisschen tiefer.


                    27. Oktober

                    Nach dem ganzen Urlaubsfeeling müssen wir uns heute mal wieder ein bisschen hinsetzen und die Vorlesungen für nächste Woche vorbereiten. Eigentlich sind wir für den Abend auch noch von der Professorin von Ari und Jacob zu einem Dhow-Cruise eingeladen, welche ein eigenes Boot im Creek hat. Da es aber den ganzen Tag in Strömen regnet, wird dieser Trip leider auch erst mal abgesagt.

                    • Eine Woche im Leerlauf

                      28. Oktober

                      Da diese Woche mal wieder ein bisschen Leerlauf ist, da wir erst nächste Woche wieder auf Tour gehen werden, gibt es eigentlich nicht besonders viel zu berichten. Wir kriegen natürlich weiterhin viel Stippvisiten von tierischen Besuchern, unter anderem riesige Motten, Raupen und ein 10 Zentimeter langer (mit schmerzhaftem Gift ausgestatteter) Hundertfüßler, der sich in meiner Hose versteckt hatte, die auf dem Boden lag und die ich gerade anziehen wollte. Heute kommt auch ein kleiner Igel vorbei, als ich auf der Terrasse etwas Sport mache und beschnüffelt mich neugierig. Er scheint dabei überhaupt keine Scheu zu haben und ich stelle ihm ein Schüsselchen Milch hin, die er genüsslich und gut hörbar in sich rein schlabbert.

                      30. Oktober

                      Nach dem wir gestern wieder Vorlesung gehabt haben, verbringen wir den heutigen Vormittag mal wieder in Paulas Büro und bereiten die Vorlesung nach, bzw. recherchieren zu anderen Themen. Am Nachmittag wollen wir einen neuen Strand erkunden, an dem wir bisher noch nicht waren. Der Strand liegt am Creek, direkt hinter der Uni und nennt sich Summerbeach. Bis jetzt war allerdings noch nicht so ganz klar, wie man dort am besten hinkommt. Wir folgen erst mal einer Straße, bis wir nicht mehr genau weiterwissen. Auf unsere Frage hin, werden wir von den Einheimischen auf verschlungenen Pfaden durch ein Dorf geleitet und landen am Ende in einem Dschungel, wo wir durch ein kleines, ausgetrocknetes Flussbett laufen. Am Ende kommen wir aber wirklich am Strand an und sehen den Creek hier mal aus einer anderen Perspektive. Hier halten sich vor allem viele Studenten und junge Leute auf.

                       

                      Gestern beim Einkaufen haben wir es tatsächlich geschafft, einen Salatkopf zu ergattern, weswegen es heute Abend den seit langer Zeit sehr vermissten klassischen deutschen Salat mit Tomaten, Gurken und Paprika gibt.

                      31. Oktober

                      In unserer heutigen Swahili-Stunde lernen wir endlich die verschiedenen Klassen von Wörtern. Wir dachten dann wird endlich alles ein bisschen klarer und wir verstehen den Aufbau der Sprache besser. Doch dies ist nach dieser Stunde leider nicht der Fall. Es gibt mindestens 10 Klassen, in denen Nomen, Verben und Adjektive eingeordnet werden. Nach dieser Klasse richtet sich, wie der Singular und der Plural eines Nomens gebildet wird, bzw. wie das Verb oder Adjektiv entsprechend konjugiert bzw. angepasst werden muss. Dabei folgt diese Einteilung allerdings keiner wirklichen Logik, sondern man muss mehr oder weniger einfach die Klasse immer zum Nomen dazu lernen. Außerdem gibt es auch noch viele Ausnahmen, die aus morphologischen Gründen zur besseren Aussprache gemacht werden. Für uns ist diese „bessere“ Aussprache allerdings nicht immer einfacher als die ursprüngliche Aussprache, wodurch es noch schwieriger wird, zu erkennen, wann diese Anpassung gemacht werden muss.

                      Nach der Swahili-Stunde bleibe ich noch in Paulas Büro und bereite meine Thesis etwas vor, da ich am Nachmittag ein Webmeeting mit einer Kollegin von meiner Arbeit in Karlsruhe habe, in dem wir besprechen, wie es dann im Januar mit meiner Master-Thesis weitergehen könnte. Dabei sprechen wir über verschiedene Schwerpunkte und ich kann schon mal anfangen ein bisschen Literatur zu sammeln.

                      01. November

                      Nach unserem, wieder mal ausgiebigen, Mittagessen bei Mother Biggys, beschließe ich mehr oder weniger spontan dem Barber-Shop einen Besuch abzustatten. Nachdem schon Dennis und Jacob sich den Kopf haben rasiert lassen, halte ich es unter der langen Matte auch nicht mehr aus und entscheide mich nach langem hin und her doch für einen Besuch hier. Der Friseur spricht zwar kaum Englisch, ist aber extrem vorsichtig mit seinem Arbeitsgerät. Nach einer halben Stunde ist er dann auch fertig und das Ergebnis kann sich eigentlich sehen lassen. Außerdem kostet der Friseurbesuch hier nur umgerechnet zwei Euro, was ein weiteres Argument ist.

                       

                      02. November

                      Den Samstag wollten wir wieder entspannt am Mnarani Club Strand verbringen, doch schon nach einer Stunde beginnt die Ruhe zu bröckeln. Ari, die auch mit dabei ist, kommt noch lachend aus dem Wasser gehüpft und meinte sie sei irgendwie auf einen Stein getreten. Doch das Lachen vergeht ihr recht schnell. Man sieht erst mal nur eine sehr kleine offene Stelle, aber dann schwillt der Fuß schnell an und starke Schmerzen setzen ein. Das Personal an der Strandbar meint, dass es ein Seeigel gewesen sein müsse und schüttet Essig über den Fuß und schmiert Papaya auf die Stelle, beides bewehrte Mittel gegen Seeigel-Stiche. Aber der Fuß schwillt immer weiter und die Stelle verfärbt sich blau und Lila. Als dann irgendwann die Schwellung bis zum Knöchel kommt und die Venen sich Lila verfärben, sind sich die Einheimischen auch nicht mehr so sicher und empfehlen ihr lieber, ins nahe gelegene Krankenhaus zu fahren. Valeria macht sich also mit Ari auf ins Krankenhaus in Kilifi, wo vermutet wird, dass die Seeigelstacheln zu weit im Gewebe drinstecken und sie nach Mombasa ins Krankenhaus müsste.

                      Inzwischen ist es schon fünf Uhr nachmittags und sie kann eine Freundin erreichen, die sie mit dem Auto nach Mombasa fährt. Im Laufe des Abends erfahren wir, dass die Ärzte in Mombasa festgestellt haben, dass es sich wohl doch nicht um einen Seeigel handelte, sondern irgendein anderes giftiges Meerestier, was sie aber nicht näher bestimmen können. Im medizinischen Bericht steht „stung by an unknown creature in the sea“. Sie bekommt Cortison und Schmerzmittel intravenös, wird dann aber wieder aus dem Krankenhaus entlassen und fährt mit ihrer Freundin zurück nach Kilifi. Inzwischen ist das ganze Bein geschwollen.

                      Ich recherchiere etwas und finde heraus, dass es neben den überall präsenten Seeigeln und dem gefürchteten, tödlichem Steinfisch auch nach zahlreiche andere gifte Tiere in Küstennähe der tropischen Gewässer gibt. Von dem ganzen Hergang und den Symptomen würde ich am ehesten auf eine gifte Muschel schließen, die mit ihrem Dorn gefährlich Vergiftungen hervorrufen kann, aber das bleibt natürlich alles nur spekulation.



                      • Immer wieder Meer

                        04. November

                        Nach einem langen Tag mit allen möglichen Besorgungen und Vorlesungen, saßen wir gemütlich beim Abendessen, als es klopfte. Jacob wollte zu Besuch kommen. Als Lara die Tür auf machte, hörten wir nur ein lautes „F***ck“. Ohne, dass wir es bemerkt hatten, hatte sich ein gar-nicht-so-kleiner Indoor-Wasserfall auf unserer Treppe gebildet, dessen Ursprung in einer geplatzten Leitung in unserer Badezimmerwand lag und dessen Delta sich durch unser Wohnzimmer ausbreitete und durch die Tür auf unserer Terrasse mündete.

                        Wir fingen zwar an, das Wasser einzudämmen, allerdings sprudelte die Quelle munter weiter und wir konnten den Haupthahn fürs Haus nicht finden. Am Ressource-Center, das eigentlich immer besetzt sein sollte, lies sich auch niemand auftreiben und so beobachteten wir das Schauspiel erst ein mal. Augenscheinlich war dieses Rohr schon einmal geplatzt, da das Stück Wand, in der es lag, schon vorher aufgebrochen war und damit das Rohr offen lag. Außerdem war die Stelle mit einem Gummi geflickt, was sich nun gelöst hatte. Irgendwann ließ sich dann doch der Nachtpförtner am Ressource-Center auftreiben und er konnte zumindest die Hauptleitung abdrehen. Das Ventil dazu befand sich übrigens in einem Erdloch in unserem Garten, dass mit einer dicken Betonplatte abgedeckt war, also auch nicht besonders leicht zu finden.

                        Danach begann dann die große Wisch-Aktion, bei der wir unter dem Einsatz von Mobs, Besen, Handtüchern usw. das Wasser aus dem Haus rausfegten oder aufwischten. Zum Glück ist alles aus Beton, das Wasser lässt sich leicht beseitigen und auch der Teppich hat nichts abbekommen. Alles ist noch mal glimpflich ausgegangen, aber es hätte auch anders sein können. Allerdings haben wir die Wasserrohrbruch-Geschichten schon erwartet, da es letztes Jahr bei Belinda und Jenny anscheinend insgesamt drei Mal passiert ist.

                         

                        05. November

                        Am heutigen Morgen kommen immerhin recht schnell die Handwerker und beseitigen das Problem, sodass wir auch wieder die Hauptleitung anstellen können. Allerdings wird das ganze einfach wieder mit einem neuen Gummi repariert, sodass es theoretisch jederzeit noch Mal passieren könnte.

                        Am Nachmittag bereiten wir unsere Vorlesungen und andere Dinge in Paulas Büro vor, als Jacob uns auf einen kleinen Rundgang im biochemischen Labor der Pwani Uni einlädt. Hier arbeiten er und Ari normalerweise immer, Ari muss aber zuhause noch ihren Fuß hochlegen und kann noch nicht groß herumlaufen. Das Labor ist im Vergleich zum Rest der Uni sehr modern und mit allen möglichen neuen technischen Geräten ausgestattet. Wir dürfen ein paar der Geräte ausprobieren und posen für ein paar Fotos. Am Abend haben wir dann wieder Vorlesung.

                         

                        06. November

                        Nachdem sowohl gestern und am Montag die Ankündigung in den Vorlesungen kam, dass wir nächste Woche unsere Mid-term-Exams haben werden, fangen wir heute damit an, die Vorlesungen noch mal komplett digital zusammenzufassen. Nachdem das ganze bisherige Semester ziemlich entspannt lief, ist den Profs wohl nun aufgefallen, dass die Endprüfungen immer näher rücken und wir noch keine der Zwischenprüfungen abgelegt haben. So haben wir jetzt nur eine Woche Zeit, uns auf zwei Tests vorzubereiten und müssen außerdem innerhalb der nächsten zwei Wochen eine Präsentation als Teamarbeit vorstellen. Das Ganze kommt etwas ungelegen, da wir nun auch die Wochenenden schon alle verplant haben. Aber dann müssen wir halt den Stoff in kurzer Zeit lernen. Ist ja nicht so, dass wir das sonst nicht auch teilweise machen würden :P

                        Für diesen Nachmittag hatten wir außerdem angekündigt, dass wir Ari an ihrem Krankenbett besuchen würden und für sie ein gutes Mittagessen kochen würden. Paul gesellt sich spontan auch dazu. Als wir ankommen, kann Ari uns inzwischen aber schon selbstständig das Tor draußen aufmachen. Der Fuß ist immer noch geschwollen, aber das Bein sieht wieder normal aus und Schmerzen hat sie keine mehr. Allerdings nimmt sie immer noch verschiedene Medikamente und humpelt noch sehr stark. Wir kochen für sie Pilau und entspannen noch etwas am Pool.

                        Am Abend treffen sich alle im Kavenyas. Wir haben uns eigentlich nur fest mit Edith zum Essen verabredet, aber Paul kommt auch direkt mit und im Laufe des Abends kommen noch Abdallah, Greta, Dennis und Jacob hinzu, sodass wir eigentlich eine ganz lustige Truppe sind.

                        08. November

                        Am Freitagmittag fahren wir alle zusammen nach Watamu. Am Dienstag sind Greta und Dennis aus Sansibar zurückgekommen und zusätzlich sind zwei Freunde von ihnen am Mittwoch aus Deutschland angekommen. Außerdem kommen noch Ari und Jacob mit und Paul und Abdallah haben auch zugesagt, sodass wir ein Haus für 12 Personen gebucht haben.

                        Da wir erst um 13 Uhr losfahren konnten, verbringen wir den Rest des Tages mit einem kleinen Rundgang durch das verschlafene, aber deutlich touristischere Watamu. Wir wurden schon vorgewarnt, dass es sich eigentlich mehr um eine italienische Stadt, als um eine kenianische handelt und an dem Ganzen ist wirklich etwas dran. Wie im Norden von Sansibar gibt es viele italienische Geschäfte und Schilder und man wird immer wieder auf Italienisch angequatscht. Auch sieht man hier deutlich mehr Weiße, was uns noch mal verdeutlicht, wie wenige Weiße es eigentlich in Kilifi gibt. Nach einem einfachen Abendessen gehe ich früh ins Bett, da ich am nächsten Tag meinen großen Angeltrip habe, den ich schon vor einem Monat gebucht habe und auf den ich mich schon lange freue.

                        09. November

                        Morgens um 5:45 Uhr geht’s los. Ich werde von Mushin, dem Skipper, an unserer Straße abholt und er fährt uns zum Ocean Sport, einer kleinen Bucht mit ein paar Hotels und vielen Sportfischerbooten, die im Wasser dümpeln. Ein Dingi bringt uns zu seinem Schiff, welches den Namen „Bingo“ trägt. Mushin erzählt, er macht das Sportfischen gar nicht hauptberuflich, sondern ist eigentlich IT-Techniker und wohnt in Mombasa. Er fährt aber so oft es geht hier hoch und mit dem Boot raus.

                        Nach ein paar Vorbereitungen fahren wir mit zwei Helfern raus. Direkt vor Watamu liegt der Marine Park, in dem die Meerestiere und Korallen geschützt sind. Danach geht es erst mal bis auf 120 Meter runter, aber ein paar Kilometer vor der Küste kommen einige Sandbänke, die wieder auf 10 bis 20 Meter hochkommen. Hier warten die Fische auf uns.

                        Der ganze Vormittag ist ein einziges Naturspektakel. In alle Richtungen deuten große Schwärme Möwen auf Aktivitäten unter der Wasseroberfläche. Als wir näher kommen sieht man, wie ca. 20 cm lange Bonitos die Sardinenschwärme jagen. Die Bonitos werden wiederum von 10 bis 20 Kilo schweren und 50 cm langen Geldflossen-Thunas gejagt, die dabei weit aus dem Wasser hechten. Egal wohin man schaut, überall springen diese riesigen Fische aus dem Wasser. Außerdem kreuzen ein paar Delfine immer wieder unseren Weg. Am Ende lässt auch ein gewaltiger Hai seine bedrohliche Rückenflosse aus dem Blau ragen.

                        Nach 5 Stunden fahren wir wieder zurück in den Hafen. Der Fisch gehört bei solchen Touren leider meistens der Crew, aber ich kann etwas handeln und für ein ordentliches Sümmchen den Tunfisch abkaufen. Dieser landet dann später als Filet auf unserem Grill.

                         

                        Am Nachmittag muss ich erst mal etwas entspannen und lese meinen Hemingway-Roman am Strand, der hier in Watamu seinen ersten Marlin gefangen hat, was entscheidend für seine Passion für Sportangeln war. Das Angeln hat ihn wiederum zu seinem größten Erfolg „Der alte Mann und das Meer“ inspiriert. Ich bin ein großer Ernest Hemingway-Fan und lese mich hier immer mehr in das Leben dieses Abenteurers, Schriftstellers und Trinkers ein und bin fasziniert davon.

                         

                        Am Abend gibt es dann fünf Kilo Thunfisch Steaks und verschiedenes Gemüse vom Grill und ich gehe müde ins Bett.

                        10. November

                        Auch heute geht es früh raus, da wir am Morgen Schnorcheln wollen. Wir fahren mit einem großen Boot mit Glasboden zu 5 raus aufs geschützte Riff, was nur ein paar hundert Meter vom Strand entfernt liegt. Auf dem Weg suchen wir nach Delfinen, finden aber keine. Dafür sehen wir immer wieder das kurze Auftauchen von Meeresschildkröten, die aber so schnell sind und so unerwartet auftauchen, dass wir meistens nur noch einen großen Platsch sehen oder maximal einen runden, gelben Kopf, der sich aus den Fluten mit einem lauten Prusten erhebt.


                        Das Schnorcheln ist dafür genial und wir sehen eine Vielzahl an Fischen. Die wie in einem riesigen Aquarium um einen herumschwimmen oder immer wieder aus ihren Höhlen schauen. Den restlichen Tag verbringen wir dann faul in einer Beachbar und nachmittags geht es dann wieder mit unserem Privat-Matatu zurück nach Kilifi. Alles in allem ein wunderschöner Trip.


                        • Birthday week – katta keki

                          11. November

                          Nach unserem aufregenden Wochenende könnte man heute schon fast erst mal Urlaub vom Urlaub brauchen, aber stattdessen geht es früh morgens direkt weiter mit dem Lernen, da wir heute Abend unseren ersten Test haben.

                          Dieser Test gestaltet sich dann auch als gar nicht mal so leicht, aber ich denke, wir haben alle ganz gut abgeschnitten. Fraglich bleibt nur, wann wir unsere Noten dafür bekommen werden, bzw. wann wir die Abschlussnote bekommen.

                          12. November

                          Der heutige Tag gestaltet sich nicht anders als der vorherige. Es regnet in Strömen und unser Vorgarten verwandelt sich in einen kleinen See. Ganz Kilifi wird eine einzige Matschgrube und wir verziehen uns in unser Haus und kochen lieber Leitungswasser ab, anstatt einen Schritt raus zu wagen und neues Wasser zu kaufen.

                          Auch der zweite Test heute ist anspruchsvoll, aber machbar.

                          13. November

                          Da wir immer noch Dinge für die Uni vorbereiten und verschiedene Erledigungen machen müssen, verschiebe ich meinen geplanten Trip heute nach Malindi ins Immigration Office auf nächste Woche.

                          Neben Uni-Sachen gehen wir auch wieder einkaufen, ich mache etwas Sport und wasche. Während des Tages bekommen wir eine Nachricht von unserem Dozenten, dass sie die Klausuren extra so gelegt haben, dass wir sie auf jeden Fall mitschreiben können. Die Klausuren werden am 02. und 03.12. sein, das heißt wir haben danach auch noch zwei Wochen zur freien Gestaltung übrig.

                          14. November

                          Heute hat es endlich aufgehört zu regnen und Jacob und ich treffen uns um 06:30 Uhr am Creek für eine weitere Angeltour. Diese war eigentlich für Dienstag geplant gewesen, doch der Regen hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir wollten noch unbedingt einmal gehen, bevor Jacob nächste Woche Kenia verlässt. Während wir im Dienstag wahrscheinlich vollgelaufen wären, ist es heute nur leicht bewölkt und es geht kein Lüftchen. Das Meer liegt unglaublich ruhig da und wir tuckern langsam raus. Auf unserem Weg sehen wir auf einmal eine Gruppe Delfine vor uns auftauchen, die einen Schwarm Fische einkreisen. Im Hintergrund sieht man wie 3 kleine Motorboote mit einem Ringnetz ebenfalls einen Schwarm einkesseln. Als wir an den Delfinen vorbei sind, sehen wir von etwas weiter weg, wie die Delfine ihre stromlinienförmigen Körper für mehrere Meter aus dem Meer herauskatapultieren und in einem wunderschönen Bogen wieder verschwinden. Dies geschieht mehrere Male und obwohl ich schon häufiger Delfine gesehen habe, habe ich in freier Wildbahn noch nie ein solches Verhalten beobachtet.

                          Als wir am Riff ankommen, geht es schnell los und wir ziehen einen Fisch nach dem anderen ins Boot. Zwar sind fast alle eher kleiner, doch mit 20 Fischen können wir am Ende doch ein gutes Abendessen bestreiten. Während wir Angeln tauchen alle 5 Minuten Meeresschildkröten um unser Boot herum auf. In der Stille und dem spiegelglatten Ozean hört man laut und deutlich das Prusten der Schildkröten, wenn sie zum Aufatmen an die Oberfläche kommen. Man kann sie zwar nicht viel besser erkennen als in Watamu, doch sind sie nun teilweise näher am Boot und wir können ihre massive Größe erkennen. Inzwischen brennt die Sonne heftig auf uns herunter und wir beschließen gegen Mittag zum Strand zurück zu kehren.


                          Am Abend treffen wir uns bei Ari und Jacob und grillen den Fisch auf dem Grill in ihrem wunderschön ausgeleuchteten Garten. Es ist ein wahres Festmahl und am Ende sind wir so vollgefressen, dass wir uns kaum noch nach Hause bewegen können. Als wir Zuhause ankommen, ist es bereits halb 12 und obwohl wir nicht vorhatten, in meinen Geburtstag reinzufeiern, quälen wir uns noch ein bisschen bis es Mitternacht ist.

                          15. November

                          Als ich heute Morgen runter in unser Wohnzimmer komme, ist dieses über Nacht mit Girlanden geschmückt worden und auf dem Tisch steht ein Kuchen. Auf dem Sofa liegt dösend die müde Lara, die heute extra früh aufgestanden ist, um den Kuchen in einem alten Topf ohne Henkel in unserem Backofen zu backen.


                          Nach diesem süßen Frühstück müssen wir noch ein paar Dinge für unsere Abfahrt um 13 Uhr nach Diani vorbereiten. Wir hatten uns zwar schon lange vorgenommen, das Wochenende in Diani zu verbringen aber da das letzte Wochenende aus organisatorischer Sicht so stressig war, konnten wir uns lange nicht dazu durchringen, eine Unterkunft und Transport dorthin zu organisieren. Wir hatten aber dann doch kurz vor knapp noch eine Unterkunft gebucht und auch einen Fahrer organisieren können, da die Fahrt nach Diani etwas umständlich ist.

                          Wenn man mit den Öffentlichen nach Diani fahren will, muss man mit einem Matatu nach Mombasa zur Matatu Station fahren, vom da mit einem Tuk Tuk zur Fähre, dann zu Fuß über die Fähre, von da weiter mit dem Matatu bis Ukunda und dann mit einem Tuk Tuk oder Uber zur Unterkunft. Stattdessen können wir nun gemütlich mit Julius, der uns damals schon zur Hells Kitchen gefahren hat, die ganze Strecke zurücklegen. Mombasa ist mal wieder ein einziges Verkehrschaos. An der Fähre will der Polizist geschmiert werden, damit er nicht alles aufs Genaueste kontrolliert. Ironischerweise läuft in dem Moment ein Mann mit einem Anti-Corruption-T-Shirt an ihm vorbei. Nach einem bisschen Hin und Her überlegt er es sich wohl anders und wir können so auf die Fähre. Die Fähre verbindet die Insel Mombasa mit dem Festland. An dieser Stelle gestaltet es sich schwierig, eine Brücke zu bauen, da die Stelle recht eng ist und hier die ganze Zeit große Containerschiffe zum Hafen von Mombasa durchmüssen. Daher verbinden drei Fähren dieses Nadelöhr, die permanent Autos, LKWs und Fußgänger von A nach B bringen.

                          Nach drei Stunden kommen wir dann in Diani an und fläzen uns erst mal kurz an den Pool, dann machen wir einen kleinen Spaziergang durch die Stadt Richtung Strand. Diani besteht im Großen und Ganzen aus einer langen Straße, die parallel zum Strand läuft und an der sich Hotels, Villen und Einkaufzentren aneinanderreihen. Wie immer ist der Strand nicht weit entfernt, aber der Zugang ist durch Hotels und Privathäuser versperrt, doch wir finden irgendwann eine Lücke, wo wir durch können. Der Strand sieht noch traumhafter aus, als die restlichen Strände, die wir bisher in Kenia gesehen haben. Der Sand ist fein und weiß, das Wasser glitzert in verschiedenen Türkistönen, die Sonne geht gerade hinter uns unter und ein langer grüner Palmenwald rundet das Bild ab.

                           

                          Am Abend gehen wir in die Tiki Bar, welche uns unser Host vom Airbnb empfohlen hat. Und dies zurecht, da wir hier eines der besten Essen in ganz Kenia bekommen. Da es mein Geburtstag ist, will sich auch keiner Lumpen lassen und ich bekomme einen großen Teller mit Pommes hingestellt über dem ein Spieß mit zartem Rindfleisch und Garnelen baumelt. Die selbstgemachte Mayonnaise setzt dem ganzen noch die Krone auf. Für kenianische Verhältnisse sind 1100 Ksh (ca. 10€) eher ein teures Gericht, aber in Deutschland müsste man für sowas schon eher die dreifache Summe hinblättern. Jacob hat der Bedienung auch noch gesteckt, dass ich heute Geburtstag habe und ich komme einen Cocktail aufs Haus.

                          Später kommen auch noch Dennis, Greta, Anna und Conni dazu und wir bleiben noch solange in der Bar sitzen und trinken Cocktails, bis sie schließen wollen und uns höflich rauswerfen.


                          16. November

                          Wir haben uns gestern hier in einem lokalen Supermarkt ordentlich mit Essen eingedeckt und starten den Tag ganz gemütlich mit einem großen englischen Breakfast. Jacob hat sogar ein kleines Glas Marmide entdeckt und schwebt im 7. Himmel.

                          Nach dem Frühstück, das erst mittags beendet ist, gehen wir an den Strand und Schnorcheln vom Strand aus. Das Wasser ist hier wieder glasklar und jedes Mal, wenn irgendwo ein Stein oder Ähnliches im Wasser steht, hat sich eine bunte Vielfalt an Meerestieren eingefunden. Wie sehen riesige Seesterne, Clownfische, große Garnelen, eine kleine Moräne, Seepferdchen und bunte Korallen. Außerdem sind wie immer die Seeigel überproportional vorhanden.

                           

                          Die Beachboys am Strand und der Tourismus hier allgemein halten sich hier zur Zeit eher in Grenzen, was sehr angenehm ist, es ist aber natürlich trotzdem deutlich schlimmer als beispielsweise in Kilifi. Vor allem auf der einen Hauptstraße, die durch Diani führt, sind unzählige Stände und jeder ruft einem zu „Hey my friend, rafiki, looki looki!“, „Looking is free, come here“, „I make you local price, not wazungu price“ und was sie noch alles auf Lager haben. Aber wir können uns meistens beherrschen und freundlich ablehnen oder zumindest einfach die Leute ignorieren.

                          Am Abend wollen wir noch in eine bekannte Disco hier in Diani, die uns kenianische Freunde von Ari und Valeria empfohlen haben. Das „Shakatak“ liegt auch gar nicht so weit weg von unserer Unterkunft und wir wollen dort dann in Valerias Geburtstag reinfeiern. Für einen Eintritt von 200 Schilling kommen wir in einen erstaunlich keinen Raum, mit einer langen Bar und einer kleinen Tanzfläche. Vor der Tanzfläche, unter dem DJ-Pult ist ein riesiger Spiegel angebracht, sodass sich alle Tanzenden dort beobachten können. Als wir ankommen, ist noch nicht viel los und um Mitternacht stoßen wir auf Valerias Geburtstag an. Langsam beginnt sich auch der Club zu füllen.

                           

                          Dabei fallen vor allem 2 Dinge auf. Erstens die afrikanische Art zu Tanzen, welche, um es schön auszudrücken, sehr körperbetont ist. Dabei konzentriert sich aber die meiste Bewegung auf die mittlere Körperregion und man ist meistens froh, dass die Leute zumindest noch ein bisschen Kleidung am Körper tragen. Zweitens fallen die vielen 50 – 70-jährigen weißen Männer auf, die arthritisch und fett um die wahrscheinlich noch nicht mal 18-jährigen, leicht bekleideten schwarzen Mädels herumtaumeln und sie mit ihrem schlaffen Armen besitzergreifend umschlingen. Man kann sich nur noch angewidert abwenden. Jacob, der nicht so der Tänzer ist und lieber an der Bar steht, wird auch mehrere Male angesprochen.

                          Das ist das Hervorquellen eines der größten Probleme, die diese Stadt, aber auch die ganze kenianische Küste hat. Wenn man bei Google „Sextourismus“ eingibt, ist eines der ersten Ergebnisse „Diani Beach“. In der Hauptsaison kommen die Prostituierten aus dem ganzen Land hier her, angezogen von den wohlhanden Freiern, die wissen, dass sie hier gute Beute machen können. Dabei sind es nicht nur Frauen, die sich prostituieren, sondern auch viele Männer, die sich eine weiße „Suger Mama“ suchen. Diese sehr ungleichen Paare sieht man hier auch häufig in Bars oder am Strand herumlaufen. Während es den Männern aber meistens um schnellen Sex geht, suchen die älteren, rundlichen Frauen meistens eher etwas längerfristiges und hoffen vielleicht sogar auf wahre Gefühle. Dabei wird auch nicht direkt für eine Leistung gezahlt, sondern die Frauen „haushalten“ sich die Männer mit den gut trainierten Körpern eher. Dabei sind die Männer nicht unbedingt Opfer, sondern man ist eher gegenseitig voneinander abhängig. All das lesen wir in zahlreichen Online-Artikeln im Nachhinein. Besonders zu empfehlen ist ein Artikel der Zeit.Online („Sextourismus: ‚du bist wunderschön‘“), den es kostenlos im Internet zu finden gibt und der Diani sehr gut beschreibt.

                          Trotz des düsteren Ausblicks um uns herum, haben wir eigentlich eine gute Zeit. Bei dem DJ handelt es sich sogar um eine Frau, was ich hier in Kenia gar nicht erwartet hätte und sie legt gute Musik auf. Die Tanzfläche ist voll und die Menschen sind guter Laune. Dann entdecken wir allerdings, dass Valerias Handy aus ihrer Umhängetasche beim Tanzen gestohlen wurde und die Stimmung ist erstmal dahin. Natürlich bringt es nichts mehr, das Gerät zu suchen und es taucht an dem Abend auch nicht mehr auf. Glücklicherweise handelte es sich um ein recht billiges Teil, was auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, daher ist der Verlust nicht so schlimm. Valeria hat sogar noch ein zweites Handy mit in Afrika dabei, was sie nun benutzen kann, ärgerlich ist es allerdings schon.

                          Als wir dann irgendwann gehen, kriegen wir vor der Tür des Clubs auch noch eine große Schlägerei von Männern und Frauen mit, bei der man gar keinen Durchblick hat, wer zu wem gehört und wer gegen wen ist, aber es fliegen Tritte und Schläge. Die Leute drum herum schauen nur zu und auch wir machen uns lieber aus dem Staub. Ein Abend mit gemischten Gefühlen, aber trotz alledem ein sehr interessanter Einblick.

                          17. November

                          Nach der langen Nacht schlafen wir auch heute etwas länger und auch für Valeria gibt es einen leckeren Schokoladenkuchen. Der restliche Tagesablauf gleicht den Tagen davor: Wir tauchen noch mal mit dem Schnorchel ab und gehen zum Mittagessen noch mal ins Tiki, weil es uns einfach zu gut geschmeckt hat. Am Nachmittag werden wir dann wieder von unserem Fahrer Julius abgeholt und kommen am frühen Abend erschöpft in Kilifi an. Alles in allem war es ein echt schönes Geburtstagswochenende.


                          • Der Campus steht Kopf

                            18. November

                            Nach dem Wochenende merke ich heute, dass das lange Schnorcheln und der Fahrtwind bei der Autofahrt in Kombination mit dem wenigen Schlaf dazu geführt hat, dass ich mich heute richtig krank fühle. Meine Nase läuft, der Kopf fühlt sich an, wie mit Watte gefüllt und alles in allem fühle ich mich sehr schlapp.Dies ist das erste Mal seit meinem Abflug, dass ich mich etwas krank fühle und ich schleppe mich durch den Tag.

                            Am Mittag habe ich ein Webmeeting mit einer Kollegin und meinem Professor, bei dem wir noch mal über meine Master-Thesis reden. Das Gespräch ist aber glücklicherweise kurz und effektiv, wobei allerdings noch nicht viel festgelegt wird.

                            Danach muss ich eine Präsentation vorbereiten, die wir morgen halten sollen. Ich hatte meinen Teil schon letzte Woche vorbereitet, daher sollte es eigentlich nur ein kurzes Zusammenfügen geben. Von Dennis war allerdings auch erst die Hälfte fertig und als wir uns dann um 16 Uhr mit unserer Gruppe treffen wollen, taucht nur ein einziger aus unserer 7-köpfigen Gruppe auf. Diese Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit sind zwei Dinge, die mich unter anderem am meisten hier in Afrika stören und ich merke, was für eine wichtige Qualität Zuverlässigkeit bei jemandem ist.

                            Der Campus füllt sich inzwischen langsam wieder und immer mehr Studierende und Mitarbeiter spazieren mal mehr, mal weniger geschäftig zwischen den Gebäuden. Wir hatten uns inzwischen schon richtig dran gewöhnt, dass wir hier alleine sind, abgesehen von ein paar Mitarbeitern. Der Grund ist, dass die Uni angekündigt hat, dass die Vorlesungen nun doch schon im Dezember starten sollen, anstatt wie von vielen erwartet, erst im Januar. Manche Fakultäten starten sogar schon in dieser Woche. Für die Studierenden ist dies neben den 2000 Schilling, die jeder für den entstandenen Schaden zahlen muss, nun wieder eine weitere Bestrafung, da viele inzwischen Zuhause waren und nun wieder zurückkommen müssen, nur um dann für Weihnachten wieder nach Hause zu fahren. Dies gestaltet sich schwierig, da die Studierenden aus allen Teilen des Landes kommen und so teilweise eine tagelange Anreise haben. Die Uni empfiehlt den Studierenden, Weihnachten hier in Kilifi zu verbringen, da Kenia zur Weihnachtszeit regelmäßig einen Verkehrsinfakt erleidet. Ob die religiösen Kenianer auf dieses Familienfest Zuhause verzichten wollen, bleibt fraglich.

                            19. November

                            Nachdem ich gestern früh ins Bett bin und heute lange geschlafen habe, geht es mir heute schon viel besser. Im Swahili Unterricht lernen wir heute die Verneinungen, was nicht so einfach ist, wie gedacht. Denn – oh Wunder – es ändert sich wieder Mal das ganze Wort und gefühlt alle Wörter drum herum, je nachdem welche Zeitform man benutzt.

                            Der Campus wird inzwischen einer richtigen Transformation unterzogen. Da am Donnerstag die Graduation-Feier aller Absolventen aus dem letzten Jahr ist, wird ein richtiger Frühjahrputz gemacht. Und dabei wird nichts unberührt gelassen. Alle Büsche und Hecken werden gestutzt, das Gras wird gemäht, die Wege gefegt und geschrubbt, alle Gebäude werden angestrichen, die Kühe werden in den Stall verbannt, überall werden Fahnen, Girlanden und Wimpel aufgehängt, neue Schilder werden montiert und sogar die Bordsteine werden neu gestrichen. Auf dem Sportplatz wird ein riesiges Festzelt aufgebaut. Jeden Tag passiert etwas Neues. Der Campus ist schon in Feierstimmung: überall ertönt Musik und viele Leute laufen bereits in ihren Talaren herum und machen Fotos (Die Talare werden von der Uni für eine Gebühr für einen gewissen Zeitraum ausgeliehen). Wir sind schon sehr gespannt auf den Donnerstag.

                            20.  November

                            Heute fahren wir alle gemeinsam nach Malindi, da Greta, Dennis und ich unser Visum verlängern müssen und auch die anderen die Stadt gerne sehen wollen. Wir fahren mit einem größeren Bus für umgerechnet ca. 3 Euro eine Stunde nach Malindi und gehen dann direkt ins Immigration Office. Dort klappt alles ohne Probleme und man hat den Eindruck hier läuft sowieso immer alles so wies halt gerade passt. Valeria hat bei ihrer Wiedereinreise 5000 Ksh bezahlt, Lara 6000. Wir zahlen jetzt jeweils 2200 Ksh. Der Beamte fragt mich dann ein paar Mal, ob jemand schon das Visum für mich bezahlt hätte und ich verneine verwirrt. Dann fragt er mich, wie viel die anderen gezahlt haben und ich sage mal vorsichthalber, dass ich es nicht weiß. Nun scheint er auch ein bisschen ratlos zu sein, aber glücklicherweise weiß sein Kollege wie viel es kosten soll. Nachdem ich bezahlt habe, fragt er mich, welches Datum er denn eintragen soll. Ich sage, dass mein Flug am 17.12. sei und dass es mir egal sei. Dann zuckt er mit den Schultern und trägt einfach mal aufs Geratewohl den 29.02. ein. Mir solls recht sein.

                            Vincent, ein Kommilitone, mit dem ich durch zwei Projekte etwas mehr zu tun habe und der jeden Tag aus Malindi anreist, hatte uns mehrfach darauf hingewiesen, wir sollten ihm Bescheid geben, wenn wir in Malindi sind, damit er uns die Stadt zeigen kann. Da er einer der wenigen Zuverlässigen ist, traue ich ihm das auch zu und rufe ihn kurzer Hand an. Wir verabreden uns zum Mittagessen in einem lokalen Restaurant in der Innenstadt. Bis dahin erkunden wir noch ein bisschen Malindi und laufen zu einer portugiesischen Kapelle und einer Säule am Meer, die ebenfalls von den Portugiesen gebaut wurde. Wenn man allerdings europäische Sehenswürdigkeiten in Städten gewöhnt ist, dann sehen diese beiden Objekte doch ziemlich mickrig aus.

                            Vincent kommt nur 15 min zu spät, was für kenianische Verhältnisse sehr pünktlich ist. Dass Restaurant, was er rausgesucht hat, ist dafür aber richtig gut, mit lokalen Gerichten und Preisen. Obwohl er danach direkt zur Uni nach Kilifi fahren will, beschließt er doch lieber uns die Stadt noch ein bisschen zu zeigen. Vincent ist eigentlich studierter Ingenieur für Fertigungstechnik, hat aber wie so viele Kenianer erst mal keinen Job nach dem Studium gefunden. Nachdem er zwei Jahre als Lehrer gearbeitet hat, das Geld aber nicht reichte, beschloss er ein kleines Business, einen Shop für T-Shirts aufzumachen. Dabei bedruckt er die T-Shirts je nach Kundenwunsch mittels Siebdruck und verkauft sie in einem kleinen Laden. Vor allem Firmen, Vereine oder Organisationen kaufen bei ihm ein und das Geschäft scheint gut zu laufen. Inzwischen hat er 8 Angestellte und die meiste Zeit vom Tag frei, weswegen er sich auch dazu entschieden hat noch mal einen Master in Business Administration zu machen.

                            Als erstes wollen wir natürlich seinen Shop sehen und ein paar von uns bestellen sich direkt ein T-Shirt bei ihm als Mitbringsel.

                            Danach fahren wir zu einem Pier am Strand, der weit über das Meer führt. Momentan ist der Anblick allerdings nicht so malerisch, wie er bestimmt einstmals war. Das halbe Geländer ist weggerostet und der Pier sieht mehr aus wie eine Brücke, die ins Meer gestürzt ist. Das Meer ist tiefbraun gefärbt, da die nahe gelegene Mündung des Galana Rivers schlammiges Wasser aus dem Landesinneren in die Bucht spült und der Himmel wolkenverhangen. Vincent erklärt uns, dass Malindi mal sehr touristisch war und viele europäische Touristen gekommen sind. Malindi ist allerdings der letzte Punkt vor der, als unsicher erklärten Al Shabab-Region, wo es immer wieder zu Überfällen, Entführungen und Anschlägen kommt. Wer als Tourist dieses Stück Land bis zur sicheren Altstadt von Lamu an der somalischen Grenze durchqueren möchte, wovon stark abgeraten wird, darf nur im bewaffneten Konvoi fahren und muss sich mit der Polizei und der Armee koordinieren. Nach diesen Vorkommnissen scheinen kaum noch weiße Touristen zu kommen und viele Hotels sind nur noch Ruinen. Dafür scheinen aber immer mehr einheimische Touristen aus dem Landesinneren zu kommen und in den Weihnachtsferien soll Malindi laut Vincent wieder richtig voll werden.

                             

                            Danach wollen wir noch in ein Museum über die Swahili-Kultur, finden aber erst ein anderes, etwas obskures Museum. Das Museum beschäftigt sich mit einem besonderen Fang den ein Fischerboot im Jahr 2001 gemacht hat. Mehr verrät der Eingang nicht. Da wir nur ein Ticket für alle Museen in Malindi brauchen, beschließen wir, damit anzufangen. Das Museum ist so aufgebaut, dass es das Tier beschreibt, aber bis zum Ende offenlässt, um was es sich handelt, wodurch eine richtige Spannung aufgebaut wird. Was es aber eigentlich besonders macht: In dem Gebäude gibt es keinen Strom und so müssen wir uns in dem Schein unserer Handytaschenlampen durch die dunkle Ausstellung tasten. Das gibt den ganzen ein leicht gruseliges Flair und wir sind am Ende fast enttäuscht, dass es sich um einen fast prähistorischen Quastenflosser handelt, der von dem Fischerboot rausgezogen wurde und nicht um irgendein Meeresungeheuer.

                            Danach gehen wir noch in das Swahili-Museum, was wie aus den 90er-Jahren wirkt. In angestaubten Vitrinen stehen allerlei Werkzeuge, Waffen und Alltagsgegenstände aus der alten Swahili-Kultur und unförmige Puppen zeigen die Kleiderwahl der damaligen Zeit.

                            Danach geht es mit einem großen Bus, der gerade aus Lamu kommt, wieder zurück nach Kilifi. Ich erzähle Vincent auf der Fahrt viel von Deutschland und er sagt, dass er gerne ein Auslandssemester oder sogar seinen Doktor dort machen möchte. Er habe sogar Verwandte in Deutschland, weiß aber nicht genau wo. Als wir in Kilifi ankommen, hat sich der Platz von der Uni deutlich gefüllt. Immer mehr Menschen, Tuk-Tuks und Boda-Bodas stehen vor dem Eingang und immer wieder rollen große Bus an dem Tor vorbei. Die Graduation-Feier rückt immer näher. Auf dem Rasen links vom Eingangstor haben sich Händler breit gemacht, die allerlei glitzernde Souvenirs und Glückwunsch-Artikel, wie eingerahmte Sprüche, Girlanden-artige Ketten und so weiter verkaufen. Wir sind nun mehr als je zuvor auf Morgen gespannt.

                            Als wir zurück in unser Haus kommen, stellen wir fest, dass man unser Wohnzimmer in unserer Abwesenheit ausgeräumt hatte.

                             

                            Dies hatte folgenden Hintergrund: Vor ein paar Tagen hatte Edith mir geschrieben, dass das Resource-Center für die Graduation-Feier unsere Stühle, unseren Esstisch und unsere Spiegel für die Ehrengäste haben könnte. Da wir allerdings weiter an diesem Tisch essen wollten und außerdem schon seit nunmehr 3 Monaten auf Ventilatoren warteten, die man uns versprochen hatte, waren wir nicht so begeistert. Edith schrieb dem Resource-Center, dass sie sich direkt an uns wenden sollten und die Situation erklären sollten. Dies ist aber nicht so gekommen und nun standen wir in unserem Wohnzimmer und man hatte uns nicht nur die Stühle, den Tisch und die Spiegel genommen, sondern auch unsere beiden Sofas und den Couchtisch, sodass wir nun gar keine Sitzgelegenheit hatten. Bei den anderen hatten sie sogar auch noch den Teppich aus dem Wohnzimmer genommen. Paula, die nichts von dem ganzen Plan wusste, dachte sogar, sie seien ausgeraubt worden, war dann aber doch erstaunt, dass die Kameras, Kreditkarten und so weiter dagelassen wurden. Die Mädels waren fuchsteufelswild und stapften wütend zum Resource-Center, konnten wegen dem aktuellen Andrang aber auch nichts ausrichten.

                            Glücklicherweise hatten wir heute Abend vor, noch mal zum Abschluss für Jacob und Ari zum Boatyard zu gehen, da heute wieder Rips and Chips Night war. Daher konnten wir unsere leere Wohnung verlassen und trafen uns abends in gemütlicher Atmosphäre auf ein paar Rippchen, welche die Gemüter erst mal besänftigen konnten. Hier trafen wir Jacobs Professorin, die einigermaßen entrüstet über den Vorfall war und am nächsten Tag eine gepfefferte E-Mail schrieb, was zumindest dazu führte, dass wir Ersatzstühle und einen Tisch bekamen, damit wir arbeiten oder essen konnten.

                            21. November

                            Der Campus beginnt schon früh sich zu füllen. Familien mit Alten, Kindern und natürlich den Studierenden strömen durch das Tor an unserem Haus vorbei. In unseren Einfahrten zum Haus haben sich inzwischen auch Verkäufer breit gemacht. Nachdem wir ein bisschen auf unserem Boden sitzend gearbeitet haben, beschließen wir uns das Ganze etwas näher anzuschauen. Die Verkäufer mit ihrem Krimskrams sind allgegenwärtig. Es werden Essen und Getränke an verschiedenen Ständen angeboten und alles ist knallbunt. Das Ganze hat Volksfestcharakter. Die Menschen schwitzen unter ihren schicken Ausgehklamotten und fächern sich müde Wind zu. Auf der einen Seite des Sportplatzes ist eine Reihe von Fotoboxen aufgebaut, wo sich die Studierende vor verschiedenen Motiven fotografieren lassen können. Vom klassischen Uni-Logo bis zum Hintergrundbild mit protzigem BMW und kleinem Schloss ist alles dabei. Unter dem Festzelt haben alle Studierenden Platz genommen und schwitzen in ihren Talaren noch mehr. Vorne ist eine Art Bühne aufgebaut, auf der alle Mitarbeiter, Dozenten und Ehrengäste der Uni, ebenfalls in schicken Talaren, sitzen. Eine Rede nach der nächsten wird geschwungen und jeder Student wird einmal aufgerufen.

                             


                            Als wir zurückkommen ist auch schon unser halber Garten von Gästen bedeckt, die im Schatten der Bäume sich ausruhen. Ein Bekannter von uns hatte uns vorher gefragt, ob er unseren Garten mit seiner Familie fürs Kuchenanschneiden benutzen kann, daher werden jetzt schon mehrere Reihen Stühle aufgebaut. Wir wollen uns das Spektakel eigentlich nicht entgehen lassen, haben aber eine Verabredung mit Jacob und Ari und da das Kuchenschneiden sich natürlich um Stunden verschiebt, verpassen wir es.

                            22. November

                            Heute kommen unsere Möbel wieder, allerdings fehlen noch unsere Spiegel. Endlich können wir uns wieder bequem auf unsere Sofas fläzen. Den Großteil des Tages verbringen wir allerdings in Paulas Office und schreiben an unseren Berichten.

                            Gestern wurden wir über Jacob und Ari aufs Boot von ihrer Professorin Santi und ihrem Mann zu einem Sunset Cruise eingeladen. Das letzte Mal, als wir diese Einladung bekommen haben, hat es leider in Strömen geregnet, aber heute haben wir mehr Glück und der Himmel ist strahlend blau. Wir treffen uns um halb 5 am Boatyard und werden von dem Dingi direkt auf einen Katamaran mit dem interessanten Namen „Two Straws“ gemacht. Dort treffen wir dann Santi, ihren Mann und zwei Arbeitskollegen von Santi. Santi und ihr Mann Etienne sind beide Südafrikaner und haben einen wunderschönen Buuren-Akzent. Das Boot ist geräumig und man kann auf Netzen zwischen den zwei Schwimmkörpern entspannt einen halben Meter über dem Wasser liegen. Alle haben Snacks und Getränke mitgebracht und so wird das Boot gewendet und wir fahren tiefer in den Creek hinein.

                             

                            Die Sonne geht langsam unter und die Mangrovenwälder um uns herum werden immer dichter und grüner. Nun kann man auch den schmalen Flusslauf erkennen, der in den Creek läuft und das Ganze zu einem solchen macht. Wir werfen Anker vor einer kleinen Insel mitten im Creek mit ein paar Bäumen drauf. In den Bäumen nistet eine Kolonie Bee Eater, ein kleiner bunter Vogel, der, wie der Name schon sagt, sich hauptsächlich von Bienen und anderen Insekten ernährt. Die Vögel kommen regelmäßig bei Dämmerung zu ihrem Schlafplatz auf der Insel, wo sie sicher vor Feinden auf dem Boden sind. Als die Sonne verschwunden ist, wird es schnell dunkel und wir fahren zurück zum Boatyard. Die Temperatur auf dem Wasser ist sehr angenehm und eine leichte Briese streicht über die Haut, während langsam die ersten Sterne sichtbar werden.

                             

                            Von der Old Ferry fahren wir direkt zum Backpackers „Distante-Relatives“, wo heute Pizza-Tag ist und wir auf den letzten Abend von Ari und Jacob anstoßen wollen. Das Backpackers ist ein sehr gemütlicher Ort, wo ein ordentlicher Hippi-Vibe in der Luft liegt. Der blau leuchtende Pool ist umgeben von gemütlichen Sitzecken und bunte Wandmalereien runden das Bild ab. In einem Raum wird laut Elektro gespielt und ein paar Leute tanzen entspannt. Das Problem ist nur, dass das Backpackers mitten im Dschungel oberhalb des Creeks liegt und man nur über eine lange und holprige Straße dahin kommt. Vor allem spät nachts sind kaum Tuk-Tuks oder Boda-Bodas hier und so hat man immer die leichte Sorge, dass man nicht mehr nach Hause kommt.

                             

                            Das Backpackers ist einer der wenigen Orte in Kilifi, wo es mehr Weiße, als Schwarze gibt und dementsprechend sind auch die Preise. Daher bleibt es auch nur bei einem Bier und um halb 11 geht es nach Hause. Vor der Uni verabschieden wir uns noch von Ari und Jacob. Ari ist nächste Woche noch mal für einen Tag mit ihrer Familie in Kilifi und Jacob will nächstes Jahr im Juni nach Karlsruhe kommen, wenn er für eine Konferenz auf dem Kontinent ist.

                            23. November

                            Heute findet die lang geplante Fahrt nach Mombasa statt. Dies wurde von Sissi vorgeschlagen und wird auch von dem Projektgeld mitfinanziert. Wir 6 Deutschen und Edith fahren früh morgens mit dem Express-Matutu von Kilifi nach Mombasa und von da mit dem Tuk-Tuk zum Fort Jesus. Jedes Mal, wenn wir durch Mombasa fahren, bin ich froh, dass wir im entspannten und kleinstädtischen Kilifi wohnen. Hier in Mombasa ist alles hektisch, tausende Menschen und Fahrzeuge schieben sich durch die engen Straßen und die Leute sind laut und unhöflich. Kilifi ist eine richtige Kleinstadt, wo jeder jeden kennt und man aber doch alles hat, was man braucht.

                            Als ich letztes Mal mit Lena am Fort Jesus war, war uns der Eintritt zu teuer, daher haben wir uns den massiven Klotz nur von außen angeschaut. Heute wird das Eintrittsgeld aber von dem Stipendium-Geld bezahlt und wir bekommen eine Führung durch das Innere des Forts. Die von den Portugiesen gebaute und einem italienischen Architekten entworfene Festung hat eine bewegte Vergangenheit. Durch sie konnten die Portugiesen die Stadt Mombasa für viele Jahrzehnte gegen die immer wieder angreifenden Araber aus dem Oman verteidigen, bis die Araber das Fort durch eine zwei Jahre anhaltende Belagerung erobern konnten. Die Araber nutzten das Fort dann Jahrhunderte lang als Verwaltungssitz an der afrikanischen Küste, bis es durch Revolten und die fortschreitende Kolonialisierung an die Briten gelangte. Diese nutzen das Fort dann als Gefängnis bis es zur kenianischen Unabhängigkeit zum Nationaldenkmal erklärt wurde.

                             

                            Nach dem Besuch des Forts laufen wir zu Rukiya nach Hause, die nicht weit weg wohnt. Die kleine Wohnung liegt in einem Hochhaus in Stadtkern von Mombasa in einer Seitenstraße im 3. Stock. Dort haben wir uns zum Kochen verabredet, da wir im Sommer in Karlsruhe ebenfalls zusammen gekocht haben und es allen viel Spaß gemacht hat. Während wir in Karlsruhe Samosas und Pilau gemacht haben, sollen es heute Biriani, Kokospfannkuchen, Mchicha, Okra, einen Avocadoshake und einen Pudding geben.

                            Dies sind alles typische Swahili-Gerichte, die teilweise ihren Ursprung in der indischen Küche haben. Das gemeinsame Kochen wird allerdings schwer, da neben uns 7 und Rukiya auch noch ihre zwei Haushaltshilfen in der Küche werkeln wollen und die Küche nicht gerade groß ist. Da es so viele Gerichte sind, ist es auch schwer den Überblick zu behalten, was gerade für welches Gericht geschnitten, gebraten oder geschreddert wird und das Ganze dauert fast 2 ½ Stunden, aber wir werden versuchen ein paar der Gerichte in Deutschland nachzukochen. Gegessen wird nach islamischem Glauben auf dem Boden. Alles ist so lecker, dass am Ende nichts mehr in den Töpfen und Tellern übrig ist und wir vom frühen Aufstehen so müde sind, dass fast alle danach auf den Sofas kurz eindösen.

                             

                            Danach machen wir noch einen Spaziergang über den großen Markt in Mombasa und wir decken uns mit den Dingen ein, die es in Kilifi nicht gibt oder teurer sind. Rukiya sorgt dafür, dass wir nicht übers Ohr gehauen werden und die lokalen Preise zahlen und danach machen wir uns wieder mit dem Matatu zurück nach Kilifi.

                             

                            24. November

                            Heute feiern wir den dritten 25. Geburtstag in zwei Wochen, denn Paula wird auch ein Jahr älter. Sie ist erst diese Woche wieder aus Deutschland zurückgekommen und hat uns 2 große Gläser Nutella mitgebracht. Dieses fließt direkt in einen Pancake-Kuchen, mit dem wir sie für ihren Geburtstags-Brunch überraschen wollen. Jeder hat etwas vorbereitet und wir sitzen wieder auf dem Boden auf unserer Terrasse. Der restliche Tag geht gemütlich weiter, da es wieder zu regnen angefangen hat und den ganzen Tag durchregnet. Wir spielen verschiedene Karten- und Würfelspiele und treffen uns dann am Abend noch mal zum gemeinsamen Essen bei den anderen im Haus.


                            • Lernen, Lernen, Lernen

                              25. November

                              Da Anfang nächste Woche die Prüfungen anstehen, konzentrieren wir uns diese Woche fast ausschließlich aufs Lernen. Heute ist die letzte Vorlesung von Human Ressource Management vor der Prüfung und der Dozent bringt noch mal richtig viel Stoff dran, weil wir es natürlich nicht geschafft haben, alle Inhalte im Semester abzudecken, da es mehrere Mal am Anfang ausgefallen ist.

                              Außerdem hatte der Dozent eigentlich angekündigt, dass wir, wie in Marketing Management, eine Präsentation und ein Paper einreichen müssen, wozu es aber auch nicht gekommen ist. Aber uns soll es recht sein.

                              26. November

                              Heute müssen die anderen ihre Präsentation halten. Unsere Präsentation letzte Woche lief eigentlich ganz gut, obwohl wir auch erst kurz vor der Stunde die Inhalte zusammengefügt haben. Diesmal ist es noch schlimmer, da sich die anderen Studenten kaum an der Gruppenarbeit beteiligen. Dies macht es sehr unangenehm, mit den Kenianern auf einer professionellen Ebene zusammenzuarbeiten. Bei unserer Gruppe war nur Vincent zuverlässig und bei der anderen Gruppe nur ein Mädchen namens Cheriece. Die restlichen 5 Leute melden sich nie und machen noch nicht mal das Mindeste. Man muss ständig nachhaken und am Ende bleibt dann die Arbeit an ein paar wenigen hängen. Wenn man es drauf ankommen lässt und den Anderen nicht ihre Arbeit abnimmt, kommt meistens nur ein, auf die Schnelle hingerotztes Ergebnis raus. Allerdings haben wir das Gefühl, dass die Anforderungen auch nicht so hoch sind und der Dozent leicht zufrieden zu stellen ist. Wir werden schon seit der 5. Klasse darauf getrimmt, gute Präsentationen vorzubereiten und zu halten und müssen inzwischen in der Uni und auf der Arbeit eine Präsentation fast auf wöchentlicher Basis aufbereiten. Die Folien und die Vortragsweise der kenianischen Studenten kommen hingegen kaum an das dran, was wir gewöhnt sind, aber der Professor ist hoch zufrieden. Glücklicherweise müssen wir nur die Präsentation und das Paper als Gruppenarbeit abgeben.

                              Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht mit unseren Kommilitonen verstehen. Nach den Vorlesungen kann man immer noch kurz nett mit ihnen Quatschen und am Ende der Stunde erkundigt sich sogar eine Studentin, ob man denn auch an dem Austauschprogramm teilnehmen könnte. Aber zumindest im Uni-Umfeld ist es sehr anstrengend zusammen mit ihnen zu arbeiten.

                              27. November

                              Heute haben wir am dritten Tag in Folge kein Wasser mehr und auch unsere Vorräte sind inzwischen aufgebraucht. Der Wassermangel schlägt ganz schön auf die Stimmung, weil wir teilweise seit Tagen nicht mehr geduscht haben, man zum Händewaschen, Geschirrspülen und für jeden Klogang Wasserkanister schleppen muss und auch dies bald nicht mehr möglich sein wird. Wir haben uns schon mehrmals beim Ressource-Center beschwer, aber passiert ist bis jetzt nichts.

                              Den Tag über verbringen wir mit Lernen und abends skype ich mal wieder nach Monaten mit meinen Großeltern, die diese Berichte gespannt verfolgen.

                              28. November

                              Es ist immer noch kein Wasser da, wir gehen heute aber zum Duschen ins Ressource-Center und bringen unsere leeren Wasserkanister mit, die dann dort aufgefüllt werden sollen. Dort wartet man aber nun auf ein Auto, was die ganzen vollen Kanister wieder zu unserem Haus bringen soll, welches aber beantragt und genehmigt werden muss (unser Haus ist 50 Meter vom Ressource-Center entfernt!). Daher warten wir heute (03.12.) immer noch auf die Kanister. Immerhin kommt der arme Tropf vom Empfang mit einer Schubkarre und ein paar Kanistern hier her und bringt uns etwas Wasser vorbei und am Freitag haben wir auch wieder fließend Wasser.

                              Am Donnerstag nächste Woche geht es los nach Nairobi und dann am nächsten Tag direkt für 3 Tage in die Masai Mara. Am Sonntag wollen wir am selben Abend noch die Heimreise nach Kilifi antreten, da Paula am nächsten Tag schon wieder im Büro sein muss.

                              29. November

                              Wir haben in den letzten Tagen entdeckt, dass unser halbes Haus schimmelt. Die Probleme mit dem Schimmel wurden schon in den ersten Monaten offensichtlich, damals waren aber nur unsere Lederschuhe betroffen. Nun finden wir aber immer mehr Gegenstände, die von einer dünnen Schicht Schimmel überzogen sind. Das Klima ist seit November stetig heißer und feuchter geworden und greift nicht nur unsere Gesundheit, sondern auch unseren Besitzt an. Obwohl hier im ganzen Haus viel Durchzug herrscht und überall Fenster oder Belüftungsschlitze sind, ist die Luft, die vom Meer kommt, einfach zu feucht. Vor allem die Dinge, die in den Schränken lagerten, sind betroffen, bei mir unter anderem mein Koffer, meine Wanderschuhe und mein Pass. Man kann den Schimmel mit ein bisschen Wasser und Wischen ziemlich gut wegkriegen und wir legen unsere Sachen jetzt bei jeder Gelegenheit für mehrere Stunden in die pralle Sonne. Allerdings kann man bei Schimmel nie wissen und es wird sich wohl erst in Deutschland rausstellen, ob es etwas gebracht hat.

                              30. November

                              Heute gehen wir ein letztes Mal mit einer Dhow vor dem Creek über dem Riff angeln. Eigentlich hatte ich gar keinen weiteren Trip mehr geplant, aber Dennis und Greta wollten das Ganze auch mal ausprobieren und so hatte ich zugesagt, mitzukommen.

                              Da das Boot und die Crew, mit der ich sonst unterwegs war, zu Zeit nicht zur Verfügung stand, gingen wir mit einem anderen Captain mit, dessen Name Issar war. Sein Maat hier überraschenderweise auch Issar, genauso wie das Boot.


                              01. Dezember

                              Auch heute vergeht der Tag vor unseren Lern-Sachen. Wir versuchen uns die langen Listen und Aufschriebe noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, die wir eigentlich schon für die Mid-Term-Exams gelernt haben und fragen uns gegenseitig ab.

                              Heute ist der erste Advent, aber Weihnachtsstimmung ist hier nicht aufgekommen. Wir sehen immer wieder wie die Temperaturen in Deutschland sinken und hier steigen und die Fotos von Weihnachtsmärkten und Christbäumen die man im Internet sieht, wirken befremdlich und wie aus einer anderen Welt. Im Supermarkt gibt es immerhin Plastikweihnachtsbäume zu kaufen, woran man vielleicht erahnen könnte, dass bald Weihnachten sein muss.



                              • Ein neuer Eindruck

                                02. Dezember

                                Heute soll der große Tag der Marketing-Prüfung sein, weshalb wir, wie schon die ganze Woche zuvor, zuhause auf dem Sofa sitzen und unsere Notizen durchgehen. Dann platzt irgendwann am Nachmittag, ca. 2 Stunden vor der Prüfung, die Nachricht, dass die Prüfung heute nicht stattfinden kann.

                                Wir versuchen erst mal etwas aufgebracht den Dekan unserer Fakultät zu erreichen, von dem diese Nachricht stammt, aber der ist schon nach Hause gefahren. Also gehen wir zu Edith, die auch gerade davon erfahren hat. Wie sich rausstellt, gab es einen Verfahrensfehlern. Eigentlich sollten unsere Prüfungen extra für uns Deutsche vorgezogen werden, obwohl die offizielle Prüfungswoche wurde für eine Woche später festgesetzt wurde, doch dann hat in letzter Sekunde das Prüfungskomitee keine Erlaubnis erteilt. Nun ist es sogar fraglich, ob wir diese Woche überhaupt irgendwelche Prüfungen schreiben können.

                                Das Problem war nur, dass wir nun schon verschiedene Reisen in der nächsten Woche geplant hatten, weil wir fest davon ausgegeben waren, dass dann alles rum sein würde. Wir hatten sogar extra lange gewartet mit dem buchen, weil wir schon damit gerechnet hatten, dass etwas dergleichen passieren könnte. Mit einer Verschiebung zwei Stunden vor der Prüfung haben wir aber nun nicht gerechnet. Edith wird nun mit dem Dekan zusammen versuchen, eine Sondergenehmigung zu bekommen, die uns erlauben würde, eine gesonderte Prüfung direkt am nächsten Tag zu schreiben, aber sie kann uns nichts versprechen. Leicht frustriert ziehen wir dann wieder ab.

                                03. Dezember

                                Da wir am Vormittag nichts weiteres erfuhren, stellten wir uns vorsichthalber darauf ein, die heutige Prüfung zu schreiben und lernten weiter den Tag über. Irgendwann am Nachmittag, wieder ein paar Stunden vor dem eigentlichen Termin, sickert dann die ernüchternde Meldung durch, dass auch der Sondertermin nicht genehmigt wurde und die Prüfungen erst nächste Woche stattfinden würden. Edith versucht nun, die Prüfungen zumindest so zu legen, dass sie am Montag und Dienstag sind und nicht später, wo wir wieder unterwegs sind.

                                Wir hatten heute eigentlich vor, nach den Prüfungen ein größeres Abendessen zu kochen und mit einer selbst-gemachten Bowle auf unsere abgeschlossenen Prüf-ungen anzustoßen. Nach einigem Hin und Her, bleiben wir trotzdem bei unserem Plan und es gibt wieder selbstgemachte Samosas und eine ordentliche Bowle.

                                 

                                04. Dezember

                                Da wir nun erst mal nichts machen können, ist der heutige Tag quasi frei. Ich nutze die Zeit und mache wieder einen längeren Spaziergang am Baobab-Strand entlang und genieße noch mal die Sonne, den Strand und das Meer bevor es bald wieder ins winterliche Deutschland zurückgeht. Ich creme mich extra mit Sonnencrem ein, aber mit dem weißen Sand und dem spiegelnden Wasser habe ich nach zwei Stunden trotzdem einen ordentlichen Sonnenbrand.


                                Am Nachmittag treffen wir uns mit Ferdinand. Ferdinand ist eines der Waisenkinder, die in den 80er-Jahren hier in einem Waisenhaus gelebt haben, welches von einer deutschen Freundin von Sissi gegründet wurde. Durch diese Freundin wurde Sissi auf Kenia aufmerksam und sie wurde die Patin von Ferdinand. Inzwischen ist Ferdinand um die 30 Jahre alt und arbeitet in einer medizinischen Forschungseinrichtung in Kilifi. Er ist außerdem im Weike-Projekt involviert und bietet uns an, dass er uns auf die etwas außerhalb von Kilifi liegenden Dörfer mitnimmt, aus denen einige der Frauen kommen. Wir haben natürlich zugesagt, mussten den Termin aber nun wegen den verschobenen Prüfungen spontan auf heute verschieben.

                                Wir treffen uns mit ihm am Weike-Feld in Mnarani und er organisiert uns schnell noch zwei Boda-Bodas. Er selbst ist auch mit einem kleinen Motorrad da und nimmt die 5. Person mit. Von dem Feld fahren wir erst mal den Highway ein Stück weiter Richtung Süden und dann nach links in einen Schotterweg. Von da geht es für 15 min auf immer kleiner werdenden Wegen weiter in den Palmenwald. Es wird immer idyllischer und wir kommen irgendwann an mehreren kleinen Lehmhäusern an. Überall rennen Kinder und Hühner herum und das sanfte Licht der Nachmittagsonne fällt durch das Blätterdach der Palmen. Ferdinand sagt Etwas auf Swahili zu den Kindern und sie bringen uns Stühle, auf die wir uns im Kreis hinsetzen. Ferdinand erklärt uns, dass das hier der Ort ist, wo er ursprünglich herkommt und er ruft den Kindern zu, dass sie für uns Kokosnüsse organisieren sollen. Ehe man es sich versieht ist der älteste mit einem Strick um die Füße fast 20 Meter hohe Palme hochgeklettert und schmeiß riesige, grüne Kokosnüsse herunter. Die kleinen, denen man bei uns maximal ein kleines Taschenmesser zutrauen würde, schneiden die grüne Schale der Kokosnuss mit einer riesigen Machete auf und legen somit das flüssige Innere frei.

                                 

                                Während wir genüsslich unser Kokoswasser schlürfen, erzählt er uns, dass sie Weike-Frauen heute leider nicht kommen können, weil es so spontan nicht möglich war, irgendwelche zusammenzutrommeln. Aber er erzählt uns etwas von sich und dem Projekt. Er hat hier in der Nähe eine kleine medizinische Versorgungseinheit, die die jungen Frauen vor allem bei Schwangerschaften begleitet und er bietet uns an, dass wir an einem anderen Tag dort noch mal hinkommen können. Nachdem wir auch das weiße Fruchtfleisch aus den Kokosnüssen mit einem Stück Schale herausgelöffelt haben, geht es auch schon wieder zurück. Hier ist alles so friedlich und idyllisch und man kann sich gar nicht vorstellen, dass die Leute es hier schwer im Leben haben. Überall wachsen Früchte, rennen Hühner, Ziegen und Kühe herum und die Kinder spielen zwischen den Palmen. Aber das Elend brodelt meistens oberflächlich unerkannt und man bekommt häufig nur einen Bruchteil des Lebens der Menschen mit. Wir haben zwar nun nicht mit den Frauen gesprochen, aber wir doch einen guten Eindruck von ihrem Leben bekommen. Außerdem haben wir wieder mal eine weitere, uns unbekannte Seite von Kilifi und dem Leben in Kenia kennengelernt, die außerhalb der Städte oder städtischen Regionen stattfindet.

                                05. Dezember

                                Früh morgens werden wir von einem Fahrer, dessen Nummer Paula irgendwie organisiert hat, zur Bahnstation Mariakani gebracht, die etwas näher liegt als die Bahnstation in Mombasa. Heute fahren Lara, Valeria und ich mit der „Standard Gauge Railway“ oder kurz SGR, der einzigen längeren Zugverbindung in Kenia, von der Küste bis nach Nairobi. Paula ist schon einen Tag vorher gefahren und wird dann in Nairobi zu uns stoßen. Wie schon mal in einem vorherigen Bericht beschrieben, sehen die Stationen aus wie Raumschiffe, die mitten in der Savanne gelandet sind. Es sind moderne, durchgestylte Gebäude, die so gar nicht nach Kenia passen. Die Straße zu unserer Station ist auch nur eine einfache, löchrige Staubpiste und mitten im Nichts steht dann dieses von den Chinesen geplante Bauwerk, architektonischer auf dem neusten Stand.

                                Aber man muss den Kenianer auch zugutehalten, dass alles reibungslos funktioniert. Es gibt mehrere Sicherheitskontrollen und am Bahnsteig muss man auch auf jeden Fall weit hinter der Linie stehen, obwohl der Zug im Schneckentempo einfährt. Auch das Online-Buchen und -Bezahlen hat perfekt geklappt. Da es in der zweiten Klasse keine Plätze mehr gab, haben wir Plätze in der ersten Klasse, welche umgerechnet ca. 28€ gekostet haben. Dafür hat man unglaublich viel Beinfreiheit, es gibt eine Klimaanlage und man bekommen Wasser und Kekse. Das Ganze ähnelt eigentlich eher dem Fliegen als dem Bahnfahren: ständig kommen „Stewardessen“ durch und verkaufen Essen und Getränke, der Boden wird ständig gewischt und das Gepäck muss perfekt in den Ablagen verstaut werden. Das wirklich besondere ist aber, was sich außerhalb des Zuges abspielt. Ein Großteil der Strecke führt nämlich durch Tsavo Nationalpark und man kann bei der Fahrt nicht nur die wunderschöne Landschaft bestaunen, sondern auch Elefanten, Zebras, Warzenschweine, Giraffen und so weiter. Die Diesellock, die das Zugpferd des Ganzen ist, rollt mit ruhigen 100 Km/h dahin und die Stopps sind gut über Strecke verteilt. Nach ca. 5 Stunden kommen wir in Nairobi an und als wir unseren Waggon verlassen, schlägt uns eine frische und kühle Luft entgegen, ganz anders, als was wir von der Küste gewohnt sind.

                                Da es hier keine Tuk-Tuks gibt und die Station außerhalb der Stadt liegt, fahren wir mit einem Uber zu unserem AirBnB, welches ziemlich im Stadtzentrum liegt. Wegen der vielen Autos ist der Verkehr in Nairobi furchtbar und wir brauchen für eine Strecke von 20 Kilometern ca. 2 Stunden. Im Schritttempo breitet sich so langsam die Skyline dieser afrikanischen Metropole aus. Sie unterscheidet sich enorm von Mombasa und erinnert mich stark an Johannesburg. Wolkenkratzer ragen in den Himmel und teure, moderne Autos fahren zwischen ihnen hindurch. Oder rollen eher…hier herrscht das Gesetzt des Stärkeren und der, der als letztes bremst, hat gewonnen. Malls und amerikanische Franchise-Unternehmen reihen sich aneinander und das Ganze wirkt eher wie eine westliche Metropole, als eine Millionenstadt in Afrika.

                                Unser AirBnB liegt direkt zwischen einem eher ärmeren Viertel und dem Business-Distrikt der Stadt. Unser Host empfängt uns schon in der kleinen, aber feinen Wohnung im dritten Stock. Die Wohnung besteht nur aus einem Zimmer, aber ist mit Liebe gestaltet und die Möbel sind selbstgebaut, um möglichst effektiv und platzsparend alles unterzubringen. Der Host ist sehr herzlich und hat die Wohnung mit Snacks, Kaffee und dergleichen ausgestattet. Obwohl wir nah am gut bewachten Business-Center sind, empfiehlt er uns aber, nach Einbruch der Dunkelheit hier nicht mehr herumzulaufen und lieber ein Taxi zu nehmen. Da wir diesen Ratschlag nun schon öfters bekommen haben, halten wir uns auch lieber dran.

                                Noch ist es aber hell und wir erkunden die Innenstadt zu Fuß. Doch selbst dabei fühlt man sich nicht besonders wohl. In unseren Reiseführern wurde geraten, nicht als Touristen aufzufallen und so gehen wir entschlossenen Schrittes zu unserem Ziel, ohne irgendwo lange zu stehen oder Fotos zu machen, immer die Hand an den Taschen mit unseren Handys und Geldbeuteln. Da wir nur noch zwei Stunden Tageslicht haben, machen wir uns auf den Weg zum Kenyan International Convention Center, kurz KICC.

                                Dabei handelt es sich um einen hohen, runden Turm mit einer großen Helikopter-Ladeplattform oben drauf, welche direkt am Parlament und am Jomo-Kenyatta-Monument steht. Der Platz um das Center ist gut vom Militär bewacht und drinnen können wir uns etwas freier bewegen. Jomo Kenyatta war der erste Präsident und Vater der Kenianischen Republik und schaut von seinem Denkmal gebieterisch auf uns herab. Das Besondere am KICC ist, dass man auf den Turm bis in den 28 Stock fahren und dann eine gewundene Treppe bis auf die Plattform steigen kann, von wo man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und die Umliegenden Landschaft hat.


                                Von hier oben sieht man noch mal diese wunderbare Mischung aus einer westlich anmutenden Stadt und dem eigentlichen afrikanischen Ursprung. Zwischen den Häuserschluchten der modernen Hochhäuser kreisen hunderte Bussarde und große Marabus sitzen auf Antennen. In der ferne sieht man den Nairobi Nationalpark und die grünen Hügel, die das Great African Rift Valley abgrenzen. Nachdem wir wieder unten sind, fängt es langsam an zu Dämmern und so machen wir uns auf die Suche nach einem Ort zum Abendessen. Eigentlich wollen wir erst in das Restaurant, welches uns unser Host empfohlen hat, aber so langsam können wir das klassische kenianische Essen aus Bohnen, Kraut und Fleisch nicht mehr sehen und die Preise hier sind mindestens doppelt so teuer wie in Kilifi. So landen wir dann am Ende doch in einem KFC, da dieser direkt neben dran liegt und freuen uns etwas über die Abwechslung zur kenianischen Bohnen-Diät. Zurück fahren wir wieder mit einem Uber und selbst nachts sind die Straßen hier verstopft.

                                06. Dezember

                                Um 7:30 Uhr werden wir von einem Fahrer des Touranbieters vor unserem AirBnB abgeholt und zu deren Office gebracht. Nachdem wir dort bezahlt haben, verzögert sich aber die Abfahrt um Stunden, weil wir noch alle anderen Passagiere einladen müssen. Neben Paula, die die Nacht bei einer Freundin von ihrer Arbeit übernachtet hat, stoßen auch noch eine Afro-Amerikanerin und ein junges Pärchen aus Holland dazu.

                                Die beiden sind sogar noch ein paar Jahre jünger aus wir und das Mädchen Jule hat auch gerade 3 Monate Afrika hinter sich. Ihr Freund Phillipp kommt sie zum Abschluss besuchen. Sie studieren beide Medizin in Leiden und Jule hat die Zeit in einem tansanischen Krankenhaus gearbeitet. Ich bewundere das sehr, denn es klingt ziemlich furchtbar, was sie dort so miterlebt hat. Abgesehen von den ständigen Verkehrsunfallopfern, die viel zu spät ins Krankenhaus kommen, sodass sich alles entzündet hat und nur noch Amputationen helfen, scheint auch brutale Gewalt gegen Kinder und Frauen zu grassieren, was häufig aber unter Verschluss gehalten wird. Vergewaltigungen und Verstümmelungen, auch an kleinen Kindern, kommt nicht selten vor und obwohl die Täter häufig bekannt sind, traut sich keiner Etwas dagegen zu unternehmen. Einen funktionierenden Rechtsstaat, der die Täter konsequent verfolgt und die Opfer vor weiteren Misshandlungen schützt gibt es einfach nicht. Dies ist die wirklich dunkle Seite des idyllischen Lebens auf dem Land und Besserung ist momentan nicht in Sicht.

                                Als wir es durch Nairobi geschafft haben, erstreckt sich auf einmal vor uns ein riesiges Tal: Das Great African Rift Valley. Unter uns ein steiler Abhang und vor uns eine Straße, die sich wie ein Strich durch das flache Tal zieht. Dieser Straßen folgen wir dann bis wir durch die Stadt Narok kommen, von wo aus wir eine Lehm- und Schotterpiste bis zum Park nehmen.

                                 

                                Nach einer langen Fahrt kommen wir irgendwann am späten Nachmittag an unserem Camp am Rande der Masai Mara an. Das Enchoro Camp liegt an einer natürlichen Wasserquelle, momentan kommt aber auch genug Wasser von Oben. Das Camp ist einfach eingestattet und besteht aus einigen fest installierten Zelten. Es gibt einen kleinen Essbereich und eine Feuerstelle. Strom wird mit einem kleinen Generator erzeugt und ist nur in den frühen Morgen- und Abendstunden verfügbar. Seit wir in Nairobi angekommen sind, sind wir am Frieren, obwohl es trotzdem noch 18°C hat, aber der permanente Regen macht es nicht gerade besser. Wenn man seit Monaten die 30°C und die hohe Luftfeuchtigkeit gewohnt ist, sind diese Temperaturen wirklich frisch. Wie soll das nur wieder in Deutschland werden??

                                Nachdem wir kurz unser Gepäck abgelegt haben, geht es für eine kurze Runde raus in den Park. Man bekommt aber nur einen etwas eingeschränkten Eindruck, weil es immer noch regnet und die Sicht so sehr beschränkt ist. Wir sehen aber trotzdem Büffel und ein ganze Gruppe eines seltenen, aber wunderschönen Fuchses, die schnell in ihrem Bau verschwinden, als wir näher kommen. Die Straßen sind vom dauerhaften Regen aufgeweicht und matschig und das ständige Off-Road-Fahren unseres Fahrers macht das ganze nicht viel besser. Einmal bleiben wir so tief stecken, dass wir aussteigen und versuchen müssen uns irgendwie zu befreien. Am Ende ist die Lösung, dass Phillip und ich uns auf die Heckstange stellen bzw. oben auf dem Auto sitzen, um die Hinterachse noch mehr zu belasten, sodass der Reifen genug Grip hat, um uns aus dem Schlamm(!)massel (Wortspiel von Valeria) herauszuschieben. Mit Anbruch der Dunkelheit fahren wir etwas genervt wieder ins Camp zurück und hoffen auf besseres Wetter morgen.

                                 

                                07. Dezember

                                Wir hatten für Heute die Wahl, ob wir eine kürzere Safari machen wollen und dafür am nächsten Tag noch mal zwei Stunden oder heute lieber eine lange Fahrt und am Sonntag nur die Heimfahrt antreten wollen. Da wir alle außer der Amerikanerin für die lange Fahrt sind, geht es schon um 6 uhr los und wir holpern die matschigen Straßen Richtung Park entlang. Wir scheinen heute Glück mit dem Wetter zu haben, denn es hat in der Nacht kaum geregnet und auch heute sind keine schwarzen Wolken am Himmel zu sehen.

                                Nachdem wir etwas herumgefahren sind, entdecke ich im hohen Gras zwei Löwinnen, die gerade an den Überresten eines Warzenschweins herumkauen. Kaum habe ich den Fahrer darauf aufmerksam gemacht, macht dieser eine harte Rechtskurve und fährt mitten durch das Gras auf die Löwen zu. Dieses Verhalten hat er auch schon gestern bei den Büffeln an den Tag gelegt und obwohl wir ihm extra vor der Fahrt noch einmal gesagt haben, er soll nicht Off-Road fahren und wir ihm auch jetzt gerade zurufen, dass er stehen bleiben soll, fährt er ungehemmt weiter und bleibt direkt neben den Löwen stehen, die erschreckt ihre Beute in ein Gebüsch zerren und sich versuchen, dort zu verstecken. Eine der obersten Regeln für Safaris ist eigentlich: Bleib auf der Spur! Versuche die Tiere so wenig wie möglich zu stören! Doch das scheint hier keine Gültigkeit zu haben. Auch die anderen Safari-Vans und Landcruiser, die gesehen haben, dass wir abgebogen sind, kommen nun durch das Gras auf uns zugerumpelt und jeder versucht so nah wie möglich an die Löwen zu kommen. Dieses Verhalten soll sich heute noch öfters wiederholen und unser Fahrer scheint gar kein Verständnis dafür zu haben, dass wir die Tiere nicht stören wollen. Er denkt wir haben Angst und wollen nicht näher an die Wildtiere zu unserer eigenen Sicherheit und beruhigt uns dann immer wieder, dass nichts passieren könne. Dafür gelingen uns natürlich spektakuläre Aufnahmen, aber auf die hätte ich auch verzichten können.

                                 

                                In Tsavo und Amboseli haben sich die Safari-Guides vorbildlich an diese Regel gehalten und auch sonst, wenn wir in Afrika unterwegs waren, ist mir dieses Verhalten sehr selten untergekommen. Ich schätze, dass die Masai Mara einfach ein extrem touristisches Gebiet ist, sodass hier der Konkurrenzkampf so hoch ist, dass wenn einer näher an die Tiere fährt als er darf, die anderen nicht einfach auf der Straße bleiben können. Außerdem ist das Gebiet so weitläufig, dass eine Überprüfung der Regeln schwer durchzusetzen ist, bzw. vielleicht auch gar kein Interesse daran besteht.

                                Die Tiere haben sich außerdem schon teilweise dran gewöhnt und beachten die Autos manchmal erst, wenn sie wirklich einen Meter von ihnen entfernt stehen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die meisten Kunden genau das wollen: so nah wir möglich an die Tiere herankommen und dabei genauso wenig Verständnis für das Tierwohl haben, wie die Guides. Dieses Verhalten hat uns die Ganze Safari über gestört und hat auch viele idyllische Szenen schlichtweg kaputt gemacht. Einmal lag ein Löwenpaar unter einem Baum und hat gedöst und obwohl die Autos alle schon sehr nah standen, haben sie sich davon erst mal nicht stören lassen. Doch dann hat sich einer der Landcruiser im Schlamm festgefahren und versuchte nun direkt neben den Löwen mit heulendem Motor, durchdrehenden Reifen und schwarzem Qualm aus dem Auspuff sich aus dem Schlamm zu befreien. Ein absurdes Bild, was die ganze Friedlichkeit dieses Moments zerstört hat.

                                 

                                Da der ganze Untergrund aufgewühlt war, blieben wir natürlich auch immer mal wieder stecken und mussten uns teilweise selbst aus dem Matsch schieben. Unser Fahrer war auch nicht besonders gesprächig, was aber nicht tragisch war, da Phillip und ich uns eigentlich ganz gut mit der afrikanischen Fauna und Flora auskannten und so den Guide spielen konnten. Phillip hat nach seinem Bachelor, quasi als Gap-Year, eine 10-wöchige Ranger-Ausbildung in Südafrika gemacht und kennt sich dementsprechend auch sehr gut aus.

                                Aber nun zu den positiven Dingen: Die Masai Mara selbst ist ein Traum! Wenn man sich Afrika vorstellt, dann stellt man sich genau diese weiten Graslandschaften vor. Die sanften von saftigem, grünen Gras bewachsenen Hügel ziehen sich bis zum Horizont und nur vereinzelte Schirmakazien bieten Schutz für die Unmengen an Zebras, Gnus, Büffel, Strauße und Elefanten, die durch die weite Savanne streifen. Die dunklen Wolken, die immer wieder über das Land ziehen, geben dem Bild einen unglaublichen Kontrast und man kann sich gar nicht satt sehen. Wir sehen Löwen und Geparden (4 Geschwister!) mit ihrer Beute (wobei wir bei Letzterem nicht sicher sind, ob diese angefüttert wurden) und eine ganze Schakal-Familie mit kleinen Jungen, die lange vor unserem Auto auf dem Weg laufen. Am Mittag kommen wir am Mara River an, jener Fluss, der für so viele Zebras und Gnus eine Todesfalle bei ihrer jährlichen, großen Wanderung von der Serengeti in die Masai Mara wird. Auch heute rast das Wasser durch das, von hohen Wänden abgegrenzte Flussbett und tote Zebras treiben an der Wasseroberfläche. Riesige Krokodile liegen auf Sandbänken oder versuchen die treibenden Zebrakadaver an Land zu lenken. Wir können einen kleinen Spaziergang mit einem Ranger machen und sehen unzählige Flusspferd-Abdrücke im Matsch und die dazugehörigen Tiere am Ufer liegen. Alles in allem ist es ein unglaubliches Erlebnis und wir sind froh, doch noch den weiten Weg auf uns genommen haben. Vor ein paar Monaten hatte ich wegen der Kosten und der langen Reise noch überlegt, die Mara und die Serengeti für ein anderes Mal in ein paar Jahren aufzuschieben. Jetzt bin ich froh es doch noch gemacht zu haben.

                                 

                                 

                                 

                                 

                                08. Dezember

                                Nachdem es die ganze Nacht durchgeregnet hat, konnten wir an diesem Tag ein bisschen länger schlafen und lehnten dankend die Einladung ab, ins nahe gelegene Masai-Dorf zu gehen. Nachdem wir gesehen haben, wie touristisch hier alles ist, hatten wir nicht besonders Lust, mitanzuschauen, wie die Einheimischen ihre Kultur für ein paar Euros verkaufen. Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir los, doch mussten schon nach ein paar Kilometer stoppen. Vor uns waren fünf Autos, von denen sich das erste im Schlamm festgefahren hatte. Einige Männer und auch unser Guide machten sich daran, dass Auto langsam aus dem Schlamm zu befreien und die nächsten Autos durchzulotsen. Schon bald kamen mehr und mehr Autos hinter uns dazu und vorne ging es nur schleppend voran. Als wir dann an der Reihe waren, war die Straße schon ein ordentliches Schlammloch, aber wir kamen einigermaßen problemlos durch. Dann stoppten aber alle Autos nach dem Loch noch einmal, um den anderen Fahrern zu helfen. Dieser Zusammenhalt war durchaus bewundernswert, doch wir wurden langsam etwas nervös, weil wir heute Abend noch unseren Bus in Nairobi erwischen wollten und wir hatten schon zwei Stunden durch die Aktion verloren. Außerdem wussten wir nicht, wie die Situation weiter vor uns aussah und bis Nairobi war es noch ein gutes Stück. Irgendwann halfen auch kein Schieben und kein Manövrieren mehr, die Straße sah nur noch aus wir ein tiefer Acker. Die Masai aus den Umliegenden Dörfern hatten allerdings einen Traktor organisiert, mit dem sie nun die Autos einfach nur noch an einer Kette durch den Schlamm zogen. Nachdem nun auch nicht mehr viel geholfen werden konnte und die Schlange an Autos aber auch nicht viel kleiner geworden war, machten wir uns dann auch auf den Weg.

                                 

                                Es folgten noch einige brenzlige Stellen, besonders dort, wo die Brücken zu einem großen Teil weggeschwemmt worden waren, doch wir schafften es irgendwie über alles hinweg. Bei einigen Stellen war ich mir aber sicher, dass, nachdem 5 weitere Autos hier durchfahren wären, auch nichts mehr gehen würde. Doch wir schafften es dann irgendwann wieder auf eine befestigte Teerstraße und ab hier ging es erst mal gut voran. Kurz vor Nairobi trennten wir uns dann von den Holländern, die weiter Richtung Lake Naivasha fahren würden.

                                In Nairobis Vorstädten kamen wir aber wieder in den Nairobi-Verkehr und verloren noch mal über eine Stunde im Stau. Schlussendlich schafften wir es aber bis in die Innenstadt und wurden dort von einem Fahrer zu unserem Busterminal gebracht. Die Busstation war riesig und überfüllt, aber wir schaffen es, uns einen Platz in einem nahen gelegenen Restaurant zu ergattern und warteten hier, bis wir in den Bus steigen konnten.

                                Der Bus selbst wirkte auf den ersten Blick eigentlich besser als erwartet. Es waren zwar ein paar Sitze kaputt, sodass die Lehnen sich entweder nicht bewegen ließen oder eben komplett nach hinten fielen, aber an und für sich war es eigentlich gemütlich. Wir fuhren zügig los und versuchten ein bisschen zu schlafen. Es lief auch erst mal alles nach Plan, bis wir dann nachts um zwei auf eine Tankstelle rollten….


                                • Alles zum letzten Mal

                                  Alles zum letzten Mal

                                  09. Dezember

                                  Wir sind um 2 Uhr nachts auf den Parkplatz einer Tankstelle gefahren und dachten, wir machen einfach nur noch mal eine kleine Pinkel- und Dehnpause. Es gab auch keine Ansage vom Fahrer oder seinen Helfern und so bleiben erst mal alle ratlos sitzen. Nachdem länger nichts passiert ist, stehen die ersten auf und gehen raus. Ich versuche die Zeit zu nutzen und ein bisschen Schlaf zu bekommen. Irgendwann kommt Paula von draußen rein und meint, dass der Fahrer mit ein paar anderen unterm Bus liegt und an irgendwas rumschraubt. Die Zeit zieht sich dahin und es passiert immer noch nichts Neues. Ein paar Leute sind schon in andere Modern-Coast-Busse umgestiegen, die in der Zwischenzeit vorbeigekommen sind.

                                  Nachdem wir dort schon drei Stunden warten, kommt irgendwann ein alter, klappriger Bus vorbei, in den nun alle umsteigen. Der Bus ist zwar nur noch ein Haufen Schrott, aber bringt uns ziemlich zügig nach Mombasa. Ich bin froh, dass ich nicht nach vorne gucken kann und die Fahrweise des Fahrers ansehen muss. Am frühen Morgen kommen wir dann in Mombasa an. Hier müssen wir nun wieder Busse wechseln, diesmal ist das Problem, dass der Bus etwas kleiner ist und eine Reihe fehlt. Dadurch müssen jetzt ein paar Kinder auf Decken im Gang sitzen. Auch dieser Bus ist klapprig und Regen kommt rein, weil man die Fenster nicht schließen kann. Um halb 11 Uhr morgens kommen wir dann irgendwann in Kilifi an – 25 Stunden später nachdem wir in Masai Mara losgefahren sind.

                                  Wir sind alle ziemlich gerädert, aber müssen direkt weiter zu unserer letzten Swahili-Stunde mit Rukiya. Dafür haben wir auf der Fahrt einen kleinen Brief auf Swahili vorbereitet und überreichen ihr diesen mit einem großen Glas Nutella aus Deutschland. Sie ist sichtlich gerührt und wir quatschen noch ein bisschen über unseren letzten Erfahrungen und wie wir das Semester im Allgemeinen empfunden haben. Danach können wir uns endlich noch für ein paar Stunden aufs Ohr hauen, bis wir dann heute um 17 Uhr unsere erste Prüfung antreten.

                                  Diese findet dann auch tatsächlich statt, lief aber bei allen sehr durchwachsen. Wir waren alle sehr erstaunt, ob der Fragen, da sie kaum den Inhalt behandelten, der in der Vorlesung stattgefunden hat, sondern größtenteils Themen, von denen wir noch nie etwas gehört hatten. Als wir dann die Prüfung abgeben wollten, wurden wir auch noch nach einem Assignment gefragt, was wir heute einreichen sollten. Wir fielen aus allen Wolken, denn nie wurde irgendwas von einer weiteren Abgabe erwähnt.

                                  Im Nachhinein stellte es sich heraus, dass der Prof irgendwann im November einem Studenten die Aufgabe geschickt hatte, mit der Bitte, sie an alle zu verteilen. Dies ist dann in einer Whatsapp-Gruppe sehr unauffällig passiert, in der jeden Tag neue Sachen gepostet werden, da sie für alle Vorlesungen des Masterstudienganges Business Administration gedacht ist. Valeria war zu der Zeit von uns die Einzige in dieser Gruppe und muss den Post übersehen haben. Es wurde aber nie irgendwas offiziell kommuniziert und auch der Prof hat in den Vorlesungen nie ein Sterbenswörtchen darüber verloren. Hier sieht man noch mal, dass die Art zu kommunizieren hier an der Uni eine ganz andere ist als bei uns und wir an offizielle Mails und Schreiben von den zuständigen Stellen gewöhnt sind und nicht an mündlich weitergegebene Aufgabenstellungen, die in Whatsapp-Gruppen weitergeleitet werden. Außerdem merken wir die Tage noch mal, wie wir als Außenseiter viele Dinge nicht mitkriegen und sich auch niemand die Mühe macht, uns auf irgendwas aufmerksam zu machen. Als wir mit den Prüfungen fertig sind, erfahren wir beispielsweise von einem Freund, dass es eine offizielle „Exam-Bank“ gibt, in der alle möglichen Altklausuren gespeichert sind und die Fragen sich häufig wiederholen, sodass man sich optimal auf die Klausur vorbereiten kann.

                                  10. Dezember

                                  Das Assignment dürfen wir nachreichen und wir setzten uns direkt heute dran. Es stellt sich heraus, dass, wenn man es vor der Prüfung gemacht hätte, die Prüfungsfragen viel einfacher zu beantworten gewesen wären, da sich viele Fragen darauf beziehen. Dies ärgert uns nun noch mehr.

                                  Danach bereiten wir uns noch auf die zweite Prüfung vor, die auch nur so mäßig läuft. Auch hier gab es wieder viele Fragen, die sich viel mehr auf Themen konzentrierten, die wir nicht behandelt haben, als Themen, über die wir in der Vorlesung gesprochen haben. Dabei ist es nicht so, dass wir uns nicht auch selbst Inhalte erarbeitet haben. Immer, wenn es am Ende der Vorlesung hieß, wir sollten uns zuhause noch mal dieses oder jenes Thema genauer anschauen, haben wir uns pflichtbewusst drangesetzt. Wir fragen uns so langsam, ob vorausgesetzte wird, dass man sich komplett in das Studiengebiet einlesen soll und somit auf alle Fragen eine Antwort parat haben muss oder ob der Prof denkt, dass wir unser Wissen, was wir bei ihm gelernt haben, soweit transferieren können, dass wir selbst entfernteste Fragen beantworten können. Beides scheint uns eher unrealistisch, aber eine andere Erklärung fällt uns auch nicht ein.

                                  Naja, wir werden sehen, was die Ergebnisse bringen. Falls es nicht so toll sein würde, wäre es auch nicht weiter tragisch, da wir uns die Noten nicht anrechnen lassen müssen, aber es wäre trotzdem sehr ärgerlich. Wir haben viel Zeit in diese Vorlesungen gesteckt, waren jede Woche anwesend (außer das eine Mal, wo wir auf Safari waren) und haben auch so viel auf die Prüfung gelernt, dass wir uns sehr gut vorbereitet gefühlt haben.

                                  Heute Abend sind wir im Anschluss noch bei Danvas eingeladen. Dan arbeitet im Juice-Laden in Kibaoni, wo wir öfters hingehen und ist der Freund von Fortunat, die Paula ganz am Anfang kennengelernt hat. Da Fortunat in letzter Zeit häufig nicht mehr in Kilifi war, haben wir Dan häufig gesehen und er ist uns richtig ans Herz gewachsen.

                                  Wir fahren mit drei Boda-Bodas eine holprige Straße an der Uni entlang und immer weiter von der Küste weg. Nach 10 min kommen wir an ein kleines Dorf, das Misofini heißt, wo Dan sich ein kleines Haus mit ein paar Mitbewohnern teilt. Dans Zimmer ist ziemlich klein und einfach eingerichtet, aber wir können uns dort alle reinquatschen. Das Zimmer hat keine wirkliche Decke, sondern es gibt nur das hohe Wellblechdach, dass das ganze Haus abdeckt. Auf dem Tisch liegt natürlich eine Bibel. Dan tischt uns riesige Portionen Pilau, Okra, Mchicha und so weiter auf und wir sind uns nicht ganz sicher, ob er wirklich beleidigt ist, dass wir nun einen kleinen Teil aus den vollen Töpfen essen können oder ob er nur zum Spaß so tut. Hier in Kenia bekommt man immer Berge an Essen auf die Teller und die Kenianer essen fast immer auf. Wir haben uns schon öfters mit kenianischen Freunden darüber unterhalten und es gibt immer wieder verschiedene Begründungen. Aber man kann wohl festhalten, dass es meistens nur eine große Mahlzeit und zu den anderen Essenszeiten eher Snacks gibt und auch nicht wie bei uns immer wieder Kleinigkeiten über den Tag verteilt. Daher wird da dann ein Mal pro Tag ordentlich reingehauen. Und mit der Mithilfe von Dans Freunden und Mitbewohnern kriegen wir auch die anderen Töpfe Reis und Kartoffeln weg.

                                  11. Dezember

                                  In Vorbereitung auf Zuhause nutze ich noch mal das unschlagbare Preisangebot von 3 Euro für einen Friseur und treffe mich mit Dennis am Barbershop. Hier passiert uns etwas, was sehr sinnbildlich für unseren Afrika-Aufenthalt steht und was uns in dieser Form schon öfters passiert ist. Vor uns ist eigentlich ein anderer Kunde dran, dieser beginnt dann aber mit uns ein Gespräch und lässt einen nach dem anderen von uns vor, um das Gespräch noch ein bisschen hinaus zu ziehen. Wir reden über Kenia, Fußball, Gott und die Welt und es ist einfach ein lockeres offenes Gespräch. Wir sind natürlich schon stadtbekannt und auch die Leute, mit denen wir sonst rumhängen kennt man nun. Am Ende möchte er natürlich noch unsere Nummern und schreibt uns anschließend direkt etwas auf Whatsapp, danach aber nicht mehr. Dieser kurzweiligen Bekanntschaften sind einerseits ganz schön, weil man so ständig neue Eindrücke aus dem Leben und Alltag der Leute kennenlernt und auf eine nette und oberflächliche Weise mit den Leuten kommuniziert, auf der anderen Seite hat man aber häufig den Gedanken, dass wir nur interessant sind, weil wir weiß sind und die Leute sich dann damit brüsten können, dass sie nun mit einem Weißen befreundet sind (obwohl man eben nur einmal kurz beim Friseur gequatscht hat). Meistens ignorieren wir aber letzteres und sind jedes Mal froh, wenn wir uns mit jemanden etwas länger unterhalten können und freuen uns, neue Dinge zu erfahren.

                                  Belinda hat uns gestern dran erinnert, dass heute Ediths Geburtstag ist und da wir sowieso einen Termin bei ihr im Büro haben, besorgen wir schnell noch einen Kuchen, nehmen die „Party Time“-Girlande mit und packen die Milka aus Deutschland ein, die wir ihr eigentlich zum Abschied überreichen wollten. Als wir so singen in ihr Büro kommen, ist sie richtig zu Tränen gerührt und freut sich sehr über unsere Überraschung.

                                  Eigentlich wollten wir heute Vormittag schon nach Watamu fahren, aber dann hat auch noch Anthony aus dem Supermarkt sich bei uns gemeldet und gefragt, ob wir noch mal alle zusammen etwas machen können, bevor wir uns in alle Winde zerstreuen. Anthony kennen wir auch wieder über Paula und er war derjenige der uns alle zur Hochzeit seines Kumpels eingeladen hat, zu der Paula, Dennis und Greta dann auch tatsächlich hingegangen sind. Wir haben uns mit ihm zum Mittagessen verabredet und nach dem Essen erzählt Anthony noch ein paar traditionelle Geschichten, die meistens ihren Ursprung in der Bibel haben. Er sagt, es sei bei ihnen zuhause oder wenn sie mit Freunden zusammen essen Brauch, dass man quasi als Nachtisch immer eine Geschichte erzählt. Und da wir keine kennen, gibt er eben mehrere zu besten. Danach fahren Lara, Valeria und ich in einem engen Matatu nach Watamu. Paula kommt etwas später nach und Anthony hat spontan entschlossen sich uns anzuschließen, da er selbst auch noch nie in Watamu war.

                                  Die Fahrt dauert ca. eine Stunde und als wir in Gede ankommen, um hier in ein Tuk-Tuk umzusteigen müssen wir schon richtige Tricks anwenden: Normalerweise wird man schon von Tuk-Tuk- und Boda-Boda-Fahrern belagert, sobald man irgendwo aus einem Matatu steigt. Wir laufen nun zielstrebig erst mal weg von der Menge, die uns natürlich folgt. Anthony handelt in der Zeit mit einem Tuk-Tuk-Fahrer einen normalen Local-Preis aus und sagt, er warte noch auf drei Freunde. Auf ein Zeichen kommen wir dann zu ihm und steigen in das Tul-Tuk. Er muss dann zwar noch mal kurz verhandeln, weil der andere ja nicht wusste, dass wir Weiße sind, aber der Preis ist schon ausgemacht.

                                  Dies ist leider eines der nervigsten Dinge hier. Wir fahren hier immer wieder die gleichen Strecken und kennen die Preise genau. Aber wenn ein Boda-Boda oder Tuk-Tuk-Fahrer einen Weißen sieht, dann denkt er sofort, er kann das Geschäft des Tages machen. So werden von uns ständig höhere Preise verlangt, als eigentlich üblich. Wir sind inzwischen dazu übergegangen den Leuten einfach den normalen Preis zu zahlen, einfach zu gehen und den Protest zu überhören. Meistens funktioniert das da sie genau wissen, dass sie nicht im Recht sind und lassen einen dann auch ziehen. Neulich hatten wir aber tatsächlich einen Tuk-Tuk-Fahrer, der uns bis uns Restaurant gefolgt ist und da dann längere Zeit rumstand. Er wollte für die Strecke den doppelten Preis als eigentlich üblich und ignorierte länger die Barfrau und den Security-Mann, die ihm und uns versicherte, dass er viel zu viel wolle. Nach 20 Minuten zog er dann auch wortlos ab, aber diese immer wiederkehrende Ungleichbehandlung stört mich schon gewaltig. Wenn einer unserer kenianischen Freunde dann auf unserer Seite ist und beispielsweise den Preis auf das normale Niveau herunterhandelt oder einem aufdringlichen Verkäufer auf Swahili sagt, er solle uns in Ruhe lassen, dann wird das von den meisten direkt als Verrat aufgefasst: Ich bin dein Landsmann, warum stellt du dich auf die Seite der Weißen?

                                  Mit dem Tuk-Tuk werden wir dann direkt zur Haustür unserer heutigen Übernachtungsmöglichkeit gebracht. Das AirBnB ist ein schnuckeliges Haus, was direkt in einer luxuriösen Hotelanlage liegt. Wir dürfen sogar den Strand und die Liegen mitbenutzen und freuen uns, dass wir wahrscheinlich nur einen Bruchteil dessen zahlen, was hier die normalen Hotelgäste zahlen. Watamus Buchten liegen mal wieder traumhaft vor uns und den restlichen Tag verbringe ich mit Lesen und Kochen.


                                  12. Dezember

                                  Morgens um 6 treffe ich mich mit Captain Mushin und bin froh, wieder mit der gleichen Crew raus fahren zu dürfen. Das Wetter ist gut und schnell haben die zwei Skipper die Angeln auf Out- und Downrigger verteilt. Leider haben die Stürme der letzten Wochen das Wasser um die Sandbänke aufgewühlt, an denen wir letztes Mal so erfolgreich waren. Auch ist diesmal nichts von den riesigen Thunfischschwärmen und der ganzen Aktivität auf dem Wasser zu sehen. Daher entschließen wir uns schnell aufs Ganze zu gehen und legen Köder für die großen Billfische Marlin und Sailfish aus.

                                   

                                  Und tatsächlich bekommen wir nach einer Stunde einen Sailfish zu Gesicht. Dieser schwimmt interessiert hinter den Ködern her, aber schlägt nicht zu. Eine weiter Stunde später. Wieder Bewegung im Wasser. Durch die oberste Schicht Wasser kann man einen für seine Art kleinen, aber dennoch gigantischen Marlin erahnen, der den Ködern folgt. Auf einmal löst sich die Schnur vom Outrigger und die Angel spannt sich. Mushin versucht den Haken zu setzten, doch nach ein paar Anhieben, ist der Marlin vom Haken gesprungen. Eine ähnliche Szene wiederholt sich dann eine halbe Stunde später noch mal, aber wieder ist der Marlin nicht an den Haken zu bekommen und übrig bleibt nur ein halb durchgebissener Köder. Die Marlins hier werden übrigens nicht ins Boot geholt, sondern normalerweise getaggt und wieder freigelassen.

                                  Nach 5 Stunden ist es dann vorbei und diesmal liegt leider keine Beute in unserem Boot. Dies ist zwar etwas enttäuschend, aber so ist das Angeln nun mal. Ich bin froh, dass es bei 2 von 3 Malen so gut geklappt hat und dass mir vor allem beim letzten Mal ein überdurch-schnittlicher Fang beschert war. Außerdem muss man ja auch noch ein paar Punkte auf seiner Bucket-List übriglassen und so habe ich einen Grund noch mal irgendwann hier an dieses wunderschöne Fleckchen Erde zurückzukommen. Ich habe nun richtig Blut geleckt und will unbedingt nochmal Hochseefischen gehen. Diese einzigartige Erfahrung mit diesen riesigen und kraftvollen Tieren an einer dünnen Leine zu kämpfen, das Adrenalin, was einem durch die Adern pumpt, wenn ein glitzernder Raubfisch durch die Wasserdecke bricht und das Spektakel, was einem manchmal auf See geboten wird, ist das, was mich noch mal hier her bringen wird.

                                  Außerdem kann man bei dem anschließenden Programm, entspannt unter Palmen an einem weißen Strand liegen, gar nicht schlecht gelaunt sein. Zufälligerweise muss der Skipper des Bootes, Issar, auch nach Kilifi, um Ersatzteile für ein anderes Boot zu besorgen und so können wir am Nachmittag bei ihm mitfahren und müssen nicht die anstrengende Reise mit dem Matatu machen.

                                   

                                  Heute Abend haben wir uns mit Edith, Paul und Abdallah für ein Abschiedsessen im „Terrace“ mit allen zusammen verabredet, da Dennis und Greta am nächsten Morgen Richtung Nairobi aufbrechen, von wo aus sie nach Südafrika fliegen werden. Der Abend ist sehr entspannt und viele verschiedene Gespräche entwickeln sich. So erfahren wir, dass Abdallah nächstes Jahr heiraten wird. Das interessante daran ist, dass es sich um eine ehemalige Schülerin von ihm handelt und dass sich die beiden erst so richtig seit Juli kennen. Aber ich denke, so laufen die Dinge hier in Kenia nun mal. Außerdem erfahren wir, dass die Bus-Firma „Modern Coast“ mit der wir diese Woche zurück nach Kilifi gefahren sind, einen schweren Unfall mit mehreren Toten genau auf dieser Strecke hatte. Dabei sind zwei Busse derselben Firma frontal zusammengestoßen. Die Regierung hat daraufhin die Lizenz des Unternehmens eingezogen und will jetzt eine Untersuchung in deren Sicherheitsstandards einleiten. Uns rutscht etwas das Herz in die Hose und wir sind froh, dass wir nicht noch mal mit einem Bus hier in Kenia fahren müssen. Paula hingegen hat bei „Modern Coast“ einen extra langen Trip von hier nach Kampala, der Hauptstadt von Uganda gebucht. Sie weiß jetzt auch nicht so recht, was sie machen soll und ob die Busse bis dahin überhaupt wieder fahren dürfen.

                                  Am Ende schenkt Edith jedem von uns noch ein schönes Stofftuch, was man für den Strand oder zum Umwickeln nehmen kann und sie hat es geschafft für jeden genau das passende Muster und die passenden Farben zu finden. Es folgt ein rührseliger Abschied, wobei ich die meisten noch mal wiedersehen werde, da ich ja immerhin noch 5 weitere Tage hier bin.

                                  13. Dezember

                                  Heute machen wir einen ganz entspannten Tag und gehen, nachdem wir ein paar Erledigungen und Sport gemacht haben, zum Boabab-Strand, wo wir etwas spazieren gehen und im Wasser plantschen. Außerdem gehen wir heute ein letztes Mal bei Mother Biggy essen und verschieden uns noch ganz artig von ihr.

                                  14. Dezember

                                  Auch heute wird es wieder sehr entspannt und wir verbringen den ganzen Tag auf der faulen Haut am Mnarani Club. Wir wollen alle noch etwas Sonne und Meer tanken, bevor es dann nächste Woche zurück ins kalte und regnerische Deutschland geht.

                                  Auf dem Weg dahin halten wir noch kurz bei James an und verabschieden uns auch von ihm. Er freut sich richtig, dass wir extra dafür zu ihm kommen, aber meint, er würde morgen noch mal vorbeikommen und sich richtig verabschieden. Ich habe so den Eindruck, viele Kenianer drücken sich etwas vor dem Verabschieden und können damit nicht so gut umgehen. Immer wieder heißt es: „Ja wir sehen uns ja bestimmt noch mal bevor ihr geht“ oder „Ihr kommt dann einfach nächstes Jahr wieder“ und so weiter. Eigentlich eine ganz nette Art, dass man nie jemandem so richtig lebe-wohl sagen möchte, aber auch etwas schade, weil dann das richtige Verabschieden immer aufgeschoben wird und dann meistens ausfällt. Aber für uns ist es wenigsten schön, alle noch mal getroffen zu haben und auf Wiedersehen gesagt zu haben.

                                  15. Dezember

                                  An Laras und Valerias letztem Tag sollte es noch mal richtig Programm geben. Wir hatten uns heute mit Ferdinand verabredet, der uns, wie besprochen, noch mal ein Treffen mit den Weike-Frauen ermöglichen sollte. So fuhren wir drei mit Ferdinand zu einem Dorf, was noch hinter Takaungu liegt und welches Mwaweni heißt. Hier treffen wir 5 von 14 Frauen, die aktuell im Agriculture-Project auf dem Feld in Mnarani beteiligt sind. Sie sprechen nur gebrochenes Englisch, aber neben Ferdinand ist auch noch Sifa da, den wir schon von den ersten Treffen kennen und die beiden können übersetzen. Zusätzlich ist auch noch ein junger Mann dabei, der Yusuf heißt und der ursprünglich auch aus dem Weisenhaus-Projekt von Sissis Freundin Helga kommt. Die drei engagieren sich nun für das Weike-Projekt und wollen das Gute, was ihnen passiert ist, (sie haben alle eine gute Bildung + Studium genossen und können inzwischen gut leben) weitergeben.

                                  Zuerst laufen wir 15 Minuten über kleine Trampelpfade bis wir in einem kleinen Dorf, bestehend aus 5-8 Lehmhütten bestehend, ankommen. Hier sehen wir hauptsächlich Frauen und Kinder und kaum Männer. Die Leute leben hier in Armut und haben kein fließendes Wasser, Strom oder gute medizinische Versorgung. Das hier ist noch mal ein ganz anderes Level, als in Kilifi Town und dennoch hat man den Eindruck, wie beim ersten Mal, als wir mit Ferdinand unterwegs waren, dass alles unglaublich friedlich und idyllisch ist. Die Kinder bilden eine Traube um uns und sind neugierig, aber auch ein bisschen ängstlich. Es scheint in ihrem Leben noch nicht passiert zu sein, dass Weiße zu ihnen in Dorf gekommen sind. Nachdem wir etwas mit den Frauen geredet haben, übergeben wir ihnen ein paar alte Klamotten und Schuhe von uns, die wir nicht mehr gebrauchen können bzw. die nicht mehr ins Gepäck gepasst haben und sie freuen sich sehr.

                                   

                                  Sifa und die anderen haben in den letzten Monaten auch schon neue Projekte geplant, die sie mit dem Weike-Verein umsetzen wollen. So sollen die Frauen auch die Möglichkeit haben, eine Ausbildung beispielsweise als Schneiderin oder Friseurin zu machen, um so unabhängiger zu werden. Das Problem bei diesen Frauen ist, dass sie schon sehr früh schwanger wurden und so kaum Schulbildung genossen haben. Eine ist beispielsweise 20 Jahre alt, hat 4 Kinder und hat die Schule nach der 6. Klasse verlassen. Yusuf erzählt uns von einer Frau, die bereits mit 26 Großmutter geworden ist. Diese frühen und vielen Schwangerschaften verbauen den Frauen das Leben und als wir mit ihnen reden und sie nach ihren Hoffnungen für die Zukunft fragen, so ist die Antwort sehr ernüchternd: Sie hätten keine Hoffnung mehr, sie versuchten nur von Tag zu Tag zu überleben.

                                  Wir alle hoffen sehr, dass Projekte wie die des Weike-Vereins den Menschen hier etwas Hoffnung geben können und am Ende auch wirklich ihr Leben verbessern, aber diese Veränderung muss vor allem von den Betroffenen selbst kommen und wird viel Zeit brauchen. Es bringt nicht viel, immer mal wieder etwas Geld zuzuschießen, sondern die Veränderung muss zuerst in den Köpfen der Menschen passieren. Die Frauen müssen sich zuerst in ihren Gedanken von ihren Männern unabhängig machen, das Patriachat muss gesellschaftlich abgeschwächt oder sogar ganz beseitigt werden und sexuelle Verhütung bzw. das Kinderkriegen muss eine überlegte Sache werden. Dies alles wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, aber Projekte wie diese sind der erste Schritt in die richtige Richtung.

                                   

                                  Nachdem wir aus Höflichkeit noch eine Frau besucht haben, die in der Nähe wohnt, machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach Kilifi. Dort zeigen uns Ferdinand und Sifa ein weiteres Projekt, welches sie mit dem Weike-Projekt voranbringen wollen. Ferdinand wohnt zurzeit im dem alten Haus von Helga in Mnarani, was aber deutlich zu groß für eine Person ist. Sifa und er wollen nun aus dem Ausland mehr freiwillige Helfer, wie Lehrer oder Ärzte akquirieren, die dann gegen eine kleine Gebühr in diesem Haus wohnen könnten. Wir versprechen, Sissi von der Idee zu erzählen und verabschieden uns von den beiden. Der ganze Vormittag war zwar sehr anstrengend, aber wir sind trotzdem froh, dass wir es gemacht haben, denn es hat uns einen sehr tiefen Einblick in das Leben der Weike-Frauen ermöglicht.

                                  Zum Mittagessen fahren wir dann noch mal zum Boatyard, um die besten Samosas Kilifis ein letztes Mal zu probieren. Am Abend haben wir dann wieder ein Abschlussessen, diesmal im Kavenya, aber es sind auch wieder Adallah und Paul dabei, sowie Anthony und Danvas. Paul hatte sich vor ein paar Wochen Malaria eingefangen und hat nun wieder neue Fieberschübe bekommen, weil er die Medikamente nicht pflichtbewusst eingenommen hat und viel zu früh wieder abgesetzt hat. Trotzdem kommt er kurz vorbei und kann sich auch wieder nicht von mir verabschieden, sondern meint, dass wir uns bestimmt am Montag noch mal sehen werden.

                                  Nachts um 12 kommt dann der Fahrer von Valeria und Lara und bringt die beiden zum Flughafen. Nun sind nur noch Paula und ich übriggeblieben und ich kann es nun kaum erwarten, auch wieder nach Hause zu fahren.